Mittwoch, Dezember 05, 2007

Willem (1)

Ich komme gerade von der Hertz-87,9-Lesenacht. Da saß ich unter anderem im Wechsel mit Rouven Ridder und Sven Stickling am Lesetisch. Hier der erste Teil meiner Geschichte.

Es ist fünf Jahre her. Ich arbeitete in der Redaktion einer bundesweit operierenden Tageszeitung. Mein Chefredakteur hatte gerade gesteckt bekommen, dass ein Labor in Bitterfeld heimlich ein Retortenbaby hergestellt hatte. Nicht nur die Befruchtung lief im Reagenzglas ab, sondern die ganze Schwangerschaft kam ohne Mutter aus. “Damit könnte der Osten eine ganze Armee von Klon-Kriegern produzieren”, sagte mein Chef. “Das ist der Knaller, du musst dahin und die Geschichte machen.” Er warf mir den Schlüssel vom alten Firmen-BMW zu. Mit dem Oldtimer war ich erst letzte Woche zu einem getarnten Weltraumbahnhof der Marsbewohner in Greifswald gefahren. Davor hatte er mich nach Cloppenburg auf eine Farm mit fliegenden Schweinen geschickt. “Das ist ein Durchbruch in der Ernährungsforschung – ganz leichtes Fleisch”, sagte er.

Ich rief bei dem Labor an und machte einen Termin ab. “Ich möchte mir gerne ihre äh... Samenbank näher anschauen”, log ich. Ich musste ja verdeckt arbeiten, und vielleicht konnte ich später in der Kühlabteilung Fotos mit Reagenzgläsern machen, deren Inhalt sich als angehender Klonkrieger der Zukunft verkaufen ließe.

Nach zwei Stunden Fahrt stand ich im Stau. 27 Kilometer sagten sie im Verkehrsfunk. Ich nahm die nächste Ausfahrt und eine Stunde später sauste ich mit dem BMW durch eine menschleere Gegend, war zum zigten Mal durch eine düstere Waldschneise gefahren und kam nun an weiten Maisfeldern vorbei. Keine Menschenseele. Ich schaute auf mein Handy – Funkloch. Die Straße wurde holprig. Ich hatte lang kein Straßenschild mehr gesehen, und ich überlegte, ob ich zurückfahren sollte. Vielleicht sollte ich nochmal in den Verkehrsfunk reinhören. Doch im Radio rauschte es nur noch. Ich drehte am Sendesuchrädchen, als plötzlich mein Handywecker ansprang, um mich an meinen Termin zu erinnern. Zwei Sekunden später hing der BMW im Graben und ich fluchte: Es war eine schlechte Idee, Maschinengewehr-Geräusche als Handyton zu benutzen. Erst neulich stand ich deswegen vor einer Gruppe heulender Flüchtlingskinder. Jetzt hatte ich mich selbst erschrocken.

Das Auto ließ sich nicht mehr aus dem Graben manövrieren. Aber zumindest ging das Radio wieder. Ein bekloppter Musikredakteur war offenbar auf die Idee gekommen, eine Mundharmonika-Version von dem James-Last-Hit “Biscaya” zu spielen. Und jetzt lief der Refrain in einer Endlosschleife. Das musste ein mieser Lokalsender sein. Ständig knackte es in den Lautsprechern und es klang so, als stünde für die Stromversorgung ein Dieselmotor im Studio.

Ich war am Ende der Welt. Aber ich war nicht allein.

[Fortsetzung kommt]

Montag, November 26, 2007

Nicht einfach Ade!

Früher hab ich Briefe einfach angefangen mit "Sehr geehrte Damen und Herren", am Ende schrieb ich "Mit freundlichen Grüßen". Das war kurz nachdem ich meine erste Postkarte an meinen Onkel auf einem Extrazettel vorgeschrieben hatte, damit meine Mutter meinen Schreibversuch auf die Rechtschreibung hin untersuchen konnte. Es war etwa in der Zeit, in der ich inflationär Briefe an Konsulate oder Botschaften schickte. Noch heute mögen in den Archiven der Vertretungen Dänemarks, der Niederlande, Italiens und Spaniens - diese Auswahl habe ich mir gerade ausgedacht, in Wirklichkeit waren es so viele und beliebige Länder, dass ich mich nicht mehr erinnern kann - noch meine liebevoll und serienweise in Schreibschrift abgefassten linierten Papierbögen aus den Archiven quellen und ihrem Finder direkt nach der Höflichkeitsfloskel mitteilen: "Ich interessiere mich für Ihr Land. Bitte senden Sie mir nähere Informationen über Ihren Staat. Mit freundlichen Grüßen".

Heute weiß ich, dass es noch mehr Floskeln gibt. Ich kann den Singular benutzen ("Mit freundlichem Gruß"), ich kann etwas wegwerfend "Mit bestem Gruß" hinterherschicken, ich kann einen kargen "Gruß" in die Tastatur hacken, um ihn im nächsten Brief, stimmt: heute ist es ja wohl eher eine E-Mail, zu "Viele Grüße" zu multiplizieren. Ich kann meiner Abschiedsformel Attraktivität attestieren ("Schöne Grüße"). Freilich kann ich hektisch oder jovial abkürzen, entsprechend der Vorliebe auch klein geschrieben: "MfG", "VG", "LG" usw., wobei letzteres Akronym für manchen wegen der computerüberbrückten Distanz eine Umarmung ersetzt und für andere nicht mehr ist als viele Grüße.

Steigern geht überdies fast immer, also "allerliebste", "allerbeste" und - warum nicht? - "allerfreundlichste Grüße". Der Schreiber muss diese Vorsilbe aber behutsam verwenden, sie kann beim Empfänger ironisch ankommen. Nüchtern richtet sich hingegen meine Universitätsbibliothek bei den automatischen Hinweisen auf Rückgabetermine bankhalterisch-schweizerisch "Mit freundlichen Gruessen" an mich.

Die vermeintliche Vermeidung von Phrasen geht auch, etwa, wenn das nächste Treffen feststeht: "Bis morgen" (bei Briefen musste vor so einer Ankündigung noch akkurat gerechnet werden und auf ordnungsgemäß Zustellung vertraut). Ich gebrauche hin und wieder auch das implizit mit Gottesbezug ausgestattete "Tschüs" und das importierte "Cheers", das mich bei jedem Mal Schreiben wieder und wieder in feierliche Laune versetzt. Es könnte mein nur noch selten gebrauchtes "Venlig Hilsen" überleben - "À bientôt" ist im Moment bei mir ausgestorben, "Greetz" geht manchmal, "Servus" war bei mir jahrelang Mode - demnächst könnte sich "Adiós" (hier fällt die Empfehlung, mit Gott gehen zu sollen, schon mehr auf) in meiner Schlussformelhitparade nach vorne setzen.

Spürbar ist die Macht, die in den Endworten von Briefen, Notizzetteln und E-Mails transportiert wird. Immer, wenn mir ein Bundespräsident postalisch "liebe Grüße" bestellt, zögere ich, ihn ebenso zu herzen. Beste Freunde in Zwist verpassen einander seelische Knackse, indem sie bisher "liebe" zu "beste Grüße" degradieren (wann wurde eigentlich der Vorläufer "gute Grüße" abgeschafft?).

Zweifelhaft ist, ob wirklich jeder seinen Abschlussworten Bedeutung beimisst. Eine Frau im Radio kritisierte gestern sogar, dass das viele elektronische Hin- und Hergeschreibe zum Wegfall jeglichen Grußes geführt hat. Einzig der Name des Schreiber markiert dann vielleicht noch den Abschied.

Jörg

Mittwoch, November 21, 2007

Blaupause Nummer 11



Nach monatelanger Unterbrechung ist die "Blaupause" zurück. Das Magazin des Vereins Blauschwung im Kanal 21 kümmert sich diesmal um Dreierlei: Sinn und Erfolg der Big Brother Awards, einen Auftritt der Band "The Ghost of Tom Joad" im Falkendom Bielefeld und die Ausstellung "Kauft deutsche Bananen! Kolonialwaren und ihr Handel in Bielefeld".