Dienstag, Dezember 18, 2007

Willem (5)

[Teil 1|2|3|4]

"Wo ist dieser Opa Willem", wiederholte ich.
Angelo zeigte in Richtung Ortsgrenze.
"Bring mich zu ihm."
Wir trafen Willem neben einer bruchreifen Bushaltestelle. Er saß in seinem Trecker, kam mir unheimlich bekannt vor und spielte “Biscaya” auf der Mundharmonika. Der Dieselmotor knatterte und produzierte den gleichen dreckigen Qualm, den ich schon beim Abschleppen meines BMWs ins Gesicht bekommen hatte.

"Opa, der Fremde will Dich sehen", sagte Angelo.
Willem nickte, nahm das Funkgerätmikro herunter und ließ die Mundharmonika in seine Hemdtasche gleiten.
"Hm?", fragte er mich.
"Was soll das mit dem Radio?", fragte ich.
Willem stopfte seine Pfeife und sah mich nur an.

"Ach so", sagte Angelo. "So geht das natürlich nicht. Opa redet nur noch übers Radio."
Er setzte mir die Kopfhörer auf und schaltete sein Radio an. Jetzt hörte ich den Motor in Stereo knattern. Willem stand wohl auch auf Wäscheschleuderimitationen.
"Also, was soll das?", fragte ich.
"Ja, lieber Hörer. Warum also mache ich Radio", hörte ich Willem sagen. "Ist es um die Menschen aufzuklären, um sie zu unterhalten?", fragte er. "Ist es für meine Nachbarn? Für meinen Enkel? Für mich selbst? - Sicher ist es von allem etwas. Aber ganz besonders ist es für Angelos Großmutter, für meine Alma", sagte er. Er spielte eine halbe Minute "Biscaya", dann redete er weiter.

"Almas Tod hatte mich damals sprachlos gemacht", sagte er. "Dann fand ich ihr Versteck auf dem Dachboden. Dort lagen zwei Geschenkpakete. Almas Name stand auf dem einen, meiner auf dem anderen. Sie hatte zwei alte Funkgeräte gekauft, damit wir miteinander reden können, auch wenn ich gerade auf dem Acker arbeite." Schweigen. "Ich hatte ja gehört, dass man mit UKW bis in den Weltraum kommt und sogar bis zu den Sternen, von denen meine liebe Alma jetzt einer ist."
Ich wollte ihn nicht länger monologisieren lassen. "Und was ist dann passiert?", rief ich.

"Und dann erfüllte ich uns unseren Traum und sprach mit meiner Alma, wenn ich auf dem Acker war. Denn irgendwo im Universum sitzt meine Alma und hört mir zu."
Mir wurde schlecht. Der Idiot. Von wegen funken bis in den Weltraum. Der arme Willem hatte UKW mit Kurzwelle verwechselt.

[Schluss]

Montag, Dezember 10, 2007

Willem (4)

[Teil 1|2|3]

Dort saß ein Rollstuhlfahrer vor einer Haustür. Er hatte die Augen geschlossen und döste. Auf seinem Schoß hatte er einen alten sowjetischen Radioempfänger, aus dem es knatterte. Ich tippte ihn an. Er räusperte sich.
“Schönes Knattern, nicht wahr?”, sagte er. “Erinnert mich immer an die Wäscheschleuder bei Frau Wendelmann in der Waschküche. Ist immer so schön, der Waschmaschine zuzugucken und dabei Malzkaffee zu schlürfen”, sagte er. “Wenn ich das Knattern höre, weiß ich, dass ich nicht alleine bin auf dieser Welt. Auch wenn mein Rollstuhl einen Platten hat.”
“Wo ist der Junge?”, sagte ich.
“Ja”, sagte er.
“Wo ist er?”
“Wer?”
“Der kleine Junge?”
“Meinen Sie Angelo?”
“Ich weiß nicht, wie er heißt.”
“Was wollen Sie von kleinen Jungs?”
“Er hat mich angegriffen?”
“Sie sind ein junger, starker Mann, und werden von einem kleinen Kind angegriffen. Das ist Kokolores!”, sagte der Alte.
Etwas traf mich am Ohr. Ein kleiner Stein fiel herunter. Ich dreht mich herum und sah Angelo im Gebüsch verschwinden. Diesmal war ich schneller. Ich riss ihm die Steinschleuder aus der Hand.
“Was soll das?”, fragte ich ihn, während ich den zappelnden Jungen am Arm festhielt.
“Loslassen”, sagte er. “Opa Willem hat das erzählt, dass er als kleiner Junge immer Stolperfallen gegen den Russeneinmarsch gebaut hat. Ich wollte das nur mal ausprobieren”, sagte er.
“Und das mit der Steinschleuder?”
“Auch gegen Russen”, sagte Angelo.
“Wo ist dieser Opa Willem”, fragte ich. Ich wollte wissen, was das für ein Kerl sein muss, der kleine Kinder zu Guerilla-Terroristen erzieht. Ich witterte schon eine Geschichte für meine Zeitung: “Terrorcamp im Osten. Radio-Gehirnwäscher macht Kinder zu Schläfern.”

[Fortsetzung kommt]

Sonntag, Dezember 09, 2007

Willem (3)

[Fortsetzung von hier und dort]

Frau Wendelmann saß 50 Meter weiter in ihrer Küche und schälte Kartoffeln. Radio Willem gab Bauernregeln zum Besten, als ich in ihre Wohnung eintrat: “Wenn im August viele Goldkäfer laufen, braucht der Wirt den Wein nicht zu taufen”, sagte er. “Im Juli will der Bauer lieber schwitzen als untätig hinterm Ofen sitzen.” Und der Klassiker: “Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter, kräht er auf dem Hühnerhaus, hält das Wetter die Woche aus.” Er erzählte etwas von einem Hochdruckgebiet über dem Ostatlantik und Cumulus-Wolken.

“Mein Lieblingsspruch ist der mit dem Hahn”, sagte Frau Wendelmann. “Radio Willem kennt gut 50 Sprüche. Ich versuche jeden Tag zu raten, welchen Spruch er diesmal bringt. Sein Wetterbericht ist auf jeden Fall besser als der aus der Zeitung. Aber die ist ja auch immer vom Vortag.” Ich bat um ein Zimmer. Sie führte mich zu einer Matratze, die unten im Keller lag. “Was Besseres werden Sie hier im Ort nicht finden”, versprach sie mir. Ich glaubte ihr. Die anderen Häuser sahen noch schäbiger aus als ihres. Ich fragte nach einer Telefonzelle. Den Termin im Labor konnte ich ja an den Tag nicht mehr schaffen. Ich musste da anrufen und bei meinem Chef. “Geradeaus und dann hinten links bei der alten Scheune”, sagte sie.

Draußen schien ich der einzige Mensch auf der Straße zu sein. “Wahrscheinlich sitzen die alle in ihren Häusern und hören Radio”, dachte ich. Und dann flog ich auf die Fresse. Jemand hatte Stolperdraht über den löchrige Fahrbahn gespannt. Hinter einem Steinhaufen am Straßenrand hörte ich ein Kichern. “Na warte”, sagte ich und sprang auf. Ich packte nach dem Jungen. Er war schneller und lief in einen Hinterhof.

[Fortsetzung kommt]

Donnerstag, Dezember 06, 2007

Willem (2)

[Fortsetzung von da]

Ein Trecker näherte sich mir lautstark in einer Qualmwolke. Ich stieg aus dem Auto und winkte. “Auto – Graben – reingeschleudert”, sagte ich dem Mann im Führerhäuschen. Er strich sich über den Bart. “Hm”, machte er und holte eine Kette unter seinem Sitz hervor. Fünf Minuten später hatte er mein Auto herausgezogen, und er stopfte schweigsam seine Pfeife. “Danke”, sagte ich. “Hm”, machte er. “Wo geht es denn hier in den nächsten Ort”, fragte ich. Er zeigte rechts die Straße hoch.

Ich setzte mich ins Auto, startete den Motor und hörte den scheppernden Auspuff, der nun über die Straße schliff. Meinen Termin konnte ich vergessen. Ich musste in eine Werkstatt. Im Radio sprach eine raue Männerstimme eine Art Liebeserklärung: “Liebe Alma. Vor mir liegen in all ihrer Herrlichkeit die vollen Rapsfelder. Sie leuchten wie die Sonne. Heute ist der Tag der Ernte. Der laue Wind legt sich über mein Gesicht. Ich wünschte, ich hätte Dich an meiner Seite. Dich, meinen Stern.”
Kitschig, total das Dorfradio. Wahrscheinlich haben die auch eine Grußsendung, in der Alteneimbewohner ihre Zimmernachbarn grüßen und Ehemänner am 50. Hochzeitstag ins Telefon rotzen, sie würden ihre Alte noch lieben wie am ersten Tag auf dem Schützenfest.

Als ich nach einer Viertelstunde im Kriechtempo meinen Auspuff durch den Ortseingang zog, sah ich rechts ein Hinweisschild für eine Meisterwerkstatt. Ich parkte den BMW und fand den Meister mit einem Kaffee in der Hand. Im Radio schloss der Sprecher gerade seine Erklärung ab: “Alma. Jetzt zieht ein Wäldchen an mir vorüber. Das satte Grün macht mir Appetit. Wie schön wäre es, einen frischen Salat mit Dir zu essen. Aber das geht ja nicht mehr.”

“Ich stehe auf die Landschaftsbeschreibungen von dem Kerl”, sagte der Mechaniker. “Ich bin ja den ganzen Tag in der Werkstatt. Da sieht man kaum Tageslicht.”
“Ich bin fremd hier”, sagte ich. “Was ist das für ein Radiosender?”.
“Och, das ist Radio Willem. Ein Mann, ein Radio sag ich immer. Ist auch der einzige Sender, den wir hier haben. Wir sind ja ziemlich von der Außenwelt abgeschnitten. Gibt ja kaum Radio hier, und meinen Telefonanschluss sollte ich schon letztes Jahr bekommen.”

Ich wechselte das Thema: “Mein Auto ist kaputt.” Ich zeigte auf den BMW. “Auspuff”, erklärte ich.
“Och, das dauert aber zwei, drei Tage. Ich muss meinen Neffen in die Stadt schicken, damit er die Teile besorgt. Kann ich erst morgen machen.”
Ich resignierte: “Gibt es hier irgendwo ein Zimmer zu mieten?”
“Gehen Sie zu Frau Wendelmann.”

[Fortsetzung kommt]

Mittwoch, Dezember 05, 2007

Willem (1)

Ich komme gerade von der Hertz-87,9-Lesenacht. Da saß ich unter anderem im Wechsel mit Rouven Ridder und Sven Stickling am Lesetisch. Hier der erste Teil meiner Geschichte.

Es ist fünf Jahre her. Ich arbeitete in der Redaktion einer bundesweit operierenden Tageszeitung. Mein Chefredakteur hatte gerade gesteckt bekommen, dass ein Labor in Bitterfeld heimlich ein Retortenbaby hergestellt hatte. Nicht nur die Befruchtung lief im Reagenzglas ab, sondern die ganze Schwangerschaft kam ohne Mutter aus. “Damit könnte der Osten eine ganze Armee von Klon-Kriegern produzieren”, sagte mein Chef. “Das ist der Knaller, du musst dahin und die Geschichte machen.” Er warf mir den Schlüssel vom alten Firmen-BMW zu. Mit dem Oldtimer war ich erst letzte Woche zu einem getarnten Weltraumbahnhof der Marsbewohner in Greifswald gefahren. Davor hatte er mich nach Cloppenburg auf eine Farm mit fliegenden Schweinen geschickt. “Das ist ein Durchbruch in der Ernährungsforschung – ganz leichtes Fleisch”, sagte er.

Ich rief bei dem Labor an und machte einen Termin ab. “Ich möchte mir gerne ihre äh... Samenbank näher anschauen”, log ich. Ich musste ja verdeckt arbeiten, und vielleicht konnte ich später in der Kühlabteilung Fotos mit Reagenzgläsern machen, deren Inhalt sich als angehender Klonkrieger der Zukunft verkaufen ließe.

Nach zwei Stunden Fahrt stand ich im Stau. 27 Kilometer sagten sie im Verkehrsfunk. Ich nahm die nächste Ausfahrt und eine Stunde später sauste ich mit dem BMW durch eine menschleere Gegend, war zum zigten Mal durch eine düstere Waldschneise gefahren und kam nun an weiten Maisfeldern vorbei. Keine Menschenseele. Ich schaute auf mein Handy – Funkloch. Die Straße wurde holprig. Ich hatte lang kein Straßenschild mehr gesehen, und ich überlegte, ob ich zurückfahren sollte. Vielleicht sollte ich nochmal in den Verkehrsfunk reinhören. Doch im Radio rauschte es nur noch. Ich drehte am Sendesuchrädchen, als plötzlich mein Handywecker ansprang, um mich an meinen Termin zu erinnern. Zwei Sekunden später hing der BMW im Graben und ich fluchte: Es war eine schlechte Idee, Maschinengewehr-Geräusche als Handyton zu benutzen. Erst neulich stand ich deswegen vor einer Gruppe heulender Flüchtlingskinder. Jetzt hatte ich mich selbst erschrocken.

Das Auto ließ sich nicht mehr aus dem Graben manövrieren. Aber zumindest ging das Radio wieder. Ein bekloppter Musikredakteur war offenbar auf die Idee gekommen, eine Mundharmonika-Version von dem James-Last-Hit “Biscaya” zu spielen. Und jetzt lief der Refrain in einer Endlosschleife. Das musste ein mieser Lokalsender sein. Ständig knackte es in den Lautsprechern und es klang so, als stünde für die Stromversorgung ein Dieselmotor im Studio.

Ich war am Ende der Welt. Aber ich war nicht allein.

[Fortsetzung kommt]

Montag, November 26, 2007

Nicht einfach Ade!

Früher hab ich Briefe einfach angefangen mit "Sehr geehrte Damen und Herren", am Ende schrieb ich "Mit freundlichen Grüßen". Das war kurz nachdem ich meine erste Postkarte an meinen Onkel auf einem Extrazettel vorgeschrieben hatte, damit meine Mutter meinen Schreibversuch auf die Rechtschreibung hin untersuchen konnte. Es war etwa in der Zeit, in der ich inflationär Briefe an Konsulate oder Botschaften schickte. Noch heute mögen in den Archiven der Vertretungen Dänemarks, der Niederlande, Italiens und Spaniens - diese Auswahl habe ich mir gerade ausgedacht, in Wirklichkeit waren es so viele und beliebige Länder, dass ich mich nicht mehr erinnern kann - noch meine liebevoll und serienweise in Schreibschrift abgefassten linierten Papierbögen aus den Archiven quellen und ihrem Finder direkt nach der Höflichkeitsfloskel mitteilen: "Ich interessiere mich für Ihr Land. Bitte senden Sie mir nähere Informationen über Ihren Staat. Mit freundlichen Grüßen".

Heute weiß ich, dass es noch mehr Floskeln gibt. Ich kann den Singular benutzen ("Mit freundlichem Gruß"), ich kann etwas wegwerfend "Mit bestem Gruß" hinterherschicken, ich kann einen kargen "Gruß" in die Tastatur hacken, um ihn im nächsten Brief, stimmt: heute ist es ja wohl eher eine E-Mail, zu "Viele Grüße" zu multiplizieren. Ich kann meiner Abschiedsformel Attraktivität attestieren ("Schöne Grüße"). Freilich kann ich hektisch oder jovial abkürzen, entsprechend der Vorliebe auch klein geschrieben: "MfG", "VG", "LG" usw., wobei letzteres Akronym für manchen wegen der computerüberbrückten Distanz eine Umarmung ersetzt und für andere nicht mehr ist als viele Grüße.

Steigern geht überdies fast immer, also "allerliebste", "allerbeste" und - warum nicht? - "allerfreundlichste Grüße". Der Schreiber muss diese Vorsilbe aber behutsam verwenden, sie kann beim Empfänger ironisch ankommen. Nüchtern richtet sich hingegen meine Universitätsbibliothek bei den automatischen Hinweisen auf Rückgabetermine bankhalterisch-schweizerisch "Mit freundlichen Gruessen" an mich.

Die vermeintliche Vermeidung von Phrasen geht auch, etwa, wenn das nächste Treffen feststeht: "Bis morgen" (bei Briefen musste vor so einer Ankündigung noch akkurat gerechnet werden und auf ordnungsgemäß Zustellung vertraut). Ich gebrauche hin und wieder auch das implizit mit Gottesbezug ausgestattete "Tschüs" und das importierte "Cheers", das mich bei jedem Mal Schreiben wieder und wieder in feierliche Laune versetzt. Es könnte mein nur noch selten gebrauchtes "Venlig Hilsen" überleben - "À bientôt" ist im Moment bei mir ausgestorben, "Greetz" geht manchmal, "Servus" war bei mir jahrelang Mode - demnächst könnte sich "Adiós" (hier fällt die Empfehlung, mit Gott gehen zu sollen, schon mehr auf) in meiner Schlussformelhitparade nach vorne setzen.

Spürbar ist die Macht, die in den Endworten von Briefen, Notizzetteln und E-Mails transportiert wird. Immer, wenn mir ein Bundespräsident postalisch "liebe Grüße" bestellt, zögere ich, ihn ebenso zu herzen. Beste Freunde in Zwist verpassen einander seelische Knackse, indem sie bisher "liebe" zu "beste Grüße" degradieren (wann wurde eigentlich der Vorläufer "gute Grüße" abgeschafft?).

Zweifelhaft ist, ob wirklich jeder seinen Abschlussworten Bedeutung beimisst. Eine Frau im Radio kritisierte gestern sogar, dass das viele elektronische Hin- und Hergeschreibe zum Wegfall jeglichen Grußes geführt hat. Einzig der Name des Schreiber markiert dann vielleicht noch den Abschied.

Jörg

Mittwoch, November 21, 2007

Blaupause Nummer 11



Nach monatelanger Unterbrechung ist die "Blaupause" zurück. Das Magazin des Vereins Blauschwung im Kanal 21 kümmert sich diesmal um Dreierlei: Sinn und Erfolg der Big Brother Awards, einen Auftritt der Band "The Ghost of Tom Joad" im Falkendom Bielefeld und die Ausstellung "Kauft deutsche Bananen! Kolonialwaren und ihr Handel in Bielefeld".

Dienstag, Oktober 30, 2007

Short Notes

Another Loss
Bielefeld-University. Today I've left another important thing behind - a widget which allows me to keep my internal organs in running order: my thermosbottle until the afternoon filled with refreshing white tea eventually emptied during a class about EU-policies in foreign affairs. This loss just adds another link to an apparently neverending chain of losses. There's two options in detecting my property: either room V2-200 where the class was or university radio Hertz 87,9 where I spent the commencing evening. Actually, there's another option: ikea, ground floor, housewares, "Hälsa", 4,90 Euro.

Pronunciation
Bielefeld-University/Center. Mumbling and nearly sleeping I discovered yesterday around midnight that my tongue starts to flutter when my mouth forms the word "perro". My pronunciation training seems to pay off. Evening after evening I tried to vocalize what I call "the Spanish r". Lately I've found a book with helpful hints: "Sprechtechnisches Übungsbuch" by Vera Balser Eberle, available at my university library (yes, I know, the library isn't de facto mine). Eberle (1976) gave me an idea of how to move my tongue while trying to talk Spanish (though I lack a sufficient vocabulary): "Die Zungenspitze wird dünn hinter die oberen Schneidezähne eführt, wo sie aber nicht ruhig verharrt, sondern mittels des durchziehenden Luftstromes in Vibration versetzt wird" (p. 55). She recommends the technique of the famous French actor François-Joseph Talma: The learner says first slowly and then with an increasing pace "t-d-t-d-t-d-t-d-t-d-t" with a stress on the "t". Then he repeats several times the word-combination "dé-tavail" to add subsequently the "r" - like that: "dé-tavail, dé-tavail, dé-tavail - - - - travail". Et voilà. Another simple way to get a feeling for the right tongue move: Put a biro in your mouth, under the tongue and recite that (advise of my teacher).

Geistesnahrung
Bielefeld-Center. I just have started to prepare an oral exam on "Communities of Practice" - a topic which I encountered especially during my stay in Roskilde. Etienne Wenger, Richard McDermott and William M. Snyder wrote a generally intelligible book on these "groups of people who share a concern, a set of problems, or a passion about a topic, and who deepen their understanding and knowledge of this area by interacting on an ongoing basis" (p. 3 of the draft of that book) and describe communities of practice as a phenomenon of human learning which consists of learners approaching a group of proprietors of knowledge including that these "newcomers" adds new knowledge to such a community of practice. Most of the chapters of the book "Cultivating Communities of Practice: a Guide to Managing Knowledge" are to be found on the internet: go here and there (second link).

Montag, Oktober 29, 2007

Kurz notiert

Schlange
Bielefeld-Mitte. Als ich am heutigen Montag gegen 17 Uhr mit meinem Fahrrad die Wertherstraße in Bielefeld befuhr, hupte es von hinten. Das lag daran, dass die Wertherstraße über eine lange Strecke keinen Radweg hat. Mir macht das nichts, wohl auch nicht dem Autofahrer hinter mir. Nur einer in der Kolonne dahinter meinte, das als Warnsignal vorgesehene Gehupe als Gruß an die Langsamen vor ihm einsetzen zu müssen. Ich lenkte ein, um von einem Parkstreifen aus die Feierabendkameraden an mir vorbeibrummen zu sehen.

Leuchte
Bielefeld-Universität. Wie erst jetzt bekannt wurde, hat die Taschenlampe, die heute noch am Steuer montiert als Frontlicht für mein Fahrrad eingesetzt worden ist, in der vergangenen Woche einen Menschen in dem schlecht beleuchtenen Gang vor einem Dozentenbüro in der Bielefelder Universität irritiert. Offenbar willkürlich geriet das Gesicht des Menschen für mehrere Sekunden in den Lichtkegel der Leuchte, um sich darauf zu verzerren. Die angestrahlte Person äußerte Unverständnis bezüglich der Beleuchtung. Ungehalten bat sie den Inhaber der Lampe um einen Grund für das ungewollte offerierte Lichtbad. Doch der blieb eine stichhaltige Antwort schuldig.

Beinahe verscheucht
Bielefeld-Universität. Mit Unverständnis reagiert hat ein Dozent auf ein Gespräch, das ich zeitgleich zu seiner Veranstaltung und flüsternd mit einer Kommilitonin geführt habe. Thema des Gespräches war die Länge der Absätze seiner Tageslichtprojektion. Die Absätze, die nicht von ihm, sondern Bürokraten verfasst wurden, bestanden aus jeweils einem einzigen Satz, zogen sich über zig Zeilen hin und waren richtig lang. Ich sagte noch: "Toll. Die Sätze sind lang, aber dennoch verständlich. Wie bei Heinrich Heine." Inhaltlich mag die Anmerkung knapp am eigentlichen Thema vorbeigeschrammt sein - den Dozenten forderte sie zu der Feststellung heraus, dass, wer seine Vorträge mit Gerede störe, gehen solle. Er sei bekannt dafür, Störer aus Seminaren hinauszuwerfen. Ich blieb, meine Kommilitonin auch. Meine Sympathie für sein Seminar transformierte sich in Widerwillen. Schade.

Freitag, Oktober 19, 2007

Omas Konfitüre ist die Beste

Fortsetzung von Episode 1|2|3

Jimmy und ich hatten den Eindruck, wir seien Jahre durch den deutschen Süden gezogen. Die Fahrt an die wenig bewachte Grenze zum Süden mochte schleunig gewesen sein, doch unser Esel - gewöhnt an den Staub und die Schwüle des norddeutschen Ödlands - brauchte schließlich Monate, um den Weg über Wiesbaden nach Würzburg, Herzogenaurach, Reutlingen, Freiburg, Bad Wurzbach, Ingolstadt und nach Bad Griesbach zu finden. Berge, Berge und Anhöhen, das nasse Gras, das ihn immer wieder ausrutschten ließ, machten dem Schlepptier vor unserem Karren zu schaffen.

Während der Kundgebungen bei unserer Passage der Grenze, die den Norden vom Süden trennte, hatte Jimmy dem Esel seinen Cowboyhut über die Ohren gestülpt und ihm sein Rambostirnband über die Augen gezogen. Er sollte nicht vom Lärm der demonstrierenden Massen irritiert werden, auch hätte ihn das farbenprächtige Gewusel nur irritiert. Seitdem trottete der Esel weniger energisch. Tatsächlich schlug es ihn immer wieder auf die Straße.

"Guckt mal Johnny", sagte Jimmy, "das Viech ist ganz verbeult."
Ich: "Stimmt."
Jimmy stieg aus und bearbeitete den Esel mit einem Notfallhammer, den eine Demonstrantin ihm bei der Kundgebung aus Ehrbezeugung an den Kopf geworfen hatte. Jimmy hütete ihn seitdem wie einen Schatz. Seine Vorbesitzerin hatte es meinem Bruder angetan. Mit ihren 1,90 Meter stak sie aus der Menge heraus. Sie hatte die schönsten rotblonden Haare, die er je gesehen hatte - sagte Jimmy ständig - und wenn er erzählte, kamen seine Zuhörer (der Esel und ich) nicht umhin, zu glauben, sie sei die beste Hammerwerferin der Welt - zumindest mir ging es so, für den Esel kann ich nicht sprechen, auch weil Jimmy ihn mit seinem unprofessionellen Gehämmere so weit hergerichtet hatte, dass es eher einer Hinrichtung glich. Der Esel war für unsere Zwecke nicht mehr zu gebrauchen.

"Was machen wir jetzt mit ihm?", fragte Jimmy.
"Ich weiß nicht. Du hast ihn kaputt gemacht. Überlegt Du Dir was. Hier können wir ihn jedenfalls nicht lassen", sagte ich.
"Warum nicht?", fragte Jimmy.
"Weil..., weil er fremd hier in der Gegend ist und sich hier nicht auskennt", sagte ich.
"Dann legen wir ihn auf den Karren und erweisen ihm einen letzten Dienst", sagte Jimmy.

Und das taten wir. Stunden darauf wuchteten wir noch auf der Bundesstraße 137 an dem Karren. Dann waren wir in Wels. Es knackte im Buschwerk neben uns.
Jimmy: "Hast du das gehört?"
Der Esel antwortete nicht.
"Ich hab dich gefragt", sagte Jimmy.
"Ah", sagte ich, "Ja. Das ist sicherlich nichts Bedrohliches für gesetzestreue Bürger."
Doch wir als Outlaws in der Fremde waren keine gesetzestreuen Bürger mehr, und außerdem hatten wir einen Esel verbeult, fiel mir eine Sekunde später ein, als der Trupp der österreichischen Grenzpolizei ein Fangnetz über uns warf.

[Fortsetzung geplant]

Sonntag, Oktober 07, 2007

Rätselspaß mit Egon Krenz

Tagesschau, 9. November 1989: "Eine Stunde hatte sich heute Egon Krenz von der ZK-Sitzung entfernt, um mit Ministerpräsident Johannes Rau zusammenzutreffen." Der Staatsratsvorsitzende der DDR und der nordrheinwestfälische Ministerpräsident laufen durchs Bild.
Aha! Sie wollen den Tag, der sich als denkwürdig abzuzeichnen beginnt, offenbar für eine Buchpräsentation nutzen: Krenz trägt einen dicken blauen Schmöker im Arm. Um den Spannungsgrad ins nicht mehr Messbare zu erhöhen, drückt er seinen Daumen auf das erste Drittel des einwortigen Buchtitels. "tzeichen" bleibt über, und alle Tagesschauzuschauer rätseln.

"Schriftzeichen", ruft die Mama aus.
"Nee, Mutter", sagt Vater. "Das ist zu lang. So einen dicken Daumen hat der Krenz nicht."
"Was'n mit Sportabtzeichen?", sagt Sohn Kalle, sechs Jahre. Er spielt mit seiner Zwei-Farb-Taschenlampe, die er zur Einschulung bekommen hat. Gerade strahlt sein Gesicht rot.
"Zu religiös", sagt Vater. "Obwohl, vielleicht nimmt die DDR ja die Montagsdemonstranten aus den Kirchen ein bisschen ernster und fährt einen Annäherungskurs. Nur, der Daumen ..."
"Du redest ja schon wie ein Politiker, Vater", sagt Mama. "Fehlt nur noch, dass du jetzt von Appeasement-Politik anfängst."
"Das wäre zu weit gegriffen", sagt Vater. "Ich halte das eher für einen Harmonisierungskurs."
"Das Buch, das Buch!", ruft Kalle.
Großmutter kommt in Bewegung. Kalle hatte ihr gerade noch wie zum Abschied über den Kopf gestreichelt, weil ihr Atem flau geworden war. Jetzt raschelte ihr Strickzeug zu Boden, und sie sagte mit knorriger Stimme: "Zeitzeichen."
"Oma, du weißt doch gar nicht, worum es geht. Du hast doch gerade noch geschlafen, Oma!", sagt Papa.
Großmutter rüttelt ihren Kopf. "Ich hatte einen Wahrtraum. In 18 Jahren wird ein Buch mit dem Titel Zeitzeichen erscheinen, das Spionageabwehr und Aufklärung zum Thema hat."
Mama meldet sich zu Wort. "Komm Mama", sagt sie zu ihrer Mutter, "leg dich man besser wieder schlafen. Was soll denn der Herr Krenz mit Spionen zu tun haben?!"
Großmutter grummelt.
"Satzzeichen", platzt es aus Kalle heraus.
"Da fehlt ein T vor dem Z", sagt Vater. "Und meinst du, der Staatsratsvorsitzende der DDR will uns was über Grammatik beibringen?"
"Vielleicht hat Kalle ja doch Recht, und Herr Krenz hat sich in der ZK-Konferenz gelangweilt", sagt Mama. "Er hat Kreuzworträtsel gelöst und dafür brauchte er das Buch, oder so."
Kalle schaltet von rot auf grün. Dann leuchtet seine Taschenlampe weiß, und der Strahl fährt seinem Papa über die Augen.
"Hör doch mal auf mit der verdamm...", sagt Papa. Er hält inne. "Natürlich. Ich weiß es. Das Buch heißt Lichtzeichen."
"Warum?", fragt Kalle.
"Ist doch klar. Die DDR will jetzt die bestimmt die Grenzabfertigung mit modernen Ampeln regeln. Und jetzt hat sich Egon Krenz bei dem Rau Tipps geholt, wie die Leute in Nordrhein-Westfalen die Grenzabfertigung mit den Holländern machen. Und dann haben sie ein Buch geschrieben."
"So ein dickes Buch und so schnell?", sagt Mama.
"Wahrscheinlich ist das eine riesige Bauanleitung. Die haben die irgendwo abgeschrieben. Einfach abkopiert. Naja, und dann hat das Zentralkommitee natürlich auch ein paar rechtliche Paragraphen da mit aufgenommen", sagt Vater.

Während sich in Berlin erste DDR-Bürger aufmachen zur Bornholmer Brücke, springt Kalle auf, lässt aus seiner Taschenlampe schnell pausenlos rot, grün und weiß flackern und jubelt: "Vati hat das Rätsel rausgekriegt." Der Sohn tanzt, die Mutter klatscht. Großmutter liegt breit im Sessel in der Stubenecke. "Alles Banausen", murmelt sie. "Zeit", sie schluckt, "Zeichen." Und Großmutter atmet allmählich aus.
"So, Söhnchen", ruft Vater von hinten. "Ab ins Bett. Und Taschenlampe her."

Bildquelle: Tagesschau vom 9.11.1989/ Youtube

Zur Sache:
An der Bornholmer Straße
Egon Krenz heute gut gelaunt
Ex-Politbüro-Mitglied Günter Schabowski redet über den 9. November und DDR-Bürger, die sich am Abend aufgeregt an die Türen klopfen, um zur Grenze zu fahren
Das Auswärtige Amt über den 9. November
DDR-Protestmärsche und Grenzöffnung bei der Tagesschau
Der 10. November 1989 aus Sicht von Götz Förster und Anett Wundrak
DDR-Innenminister Friedrich Dickel liest viel vor

Montag, Oktober 01, 2007

Zum Gebrauch von Hunden im Straßenverkehr

"Hier Walt... äh Herr Wartborg. Da haben Sie den Racker. Bei Ihnen findet er zum Glück endlich ein gutes Zuhause." Michael Mehlfuß reichte dem 80-Jährigen die Leine zu dem putzigen West Highland White Terrier. Seit einem halben Jahr kam Walther Wartborg jede Woche ins Tierheim, um einen Hund auszuwählen. Meist nahm er die weniger schnuckeligen, die an einigen Stellen schon beschädigt waren - oder alt. "Schön muss er nicht sein, aber handlich", pflegte der alte Mann immer zu grunzen, wenn Michael fragte, warum er denn den Windhund oder den Bernhardiner nicht wollte. Das Fell des Schoßhündchens, das Walther sich diesmal geben ließ, hatte sich über die Jahre von samt nach struppig abgenutzt. Außerdem fehlte dem Hund ein Bein.

Inzwischen musste Walther fast schon ein eigenes Tierheim in seiner Wohnung haben. "Walther", dachte Michael. Am liebsten wollte er den Rentner duzen. "Wer Tiere mag, mag auch Menschen", hatte er sich beim letzten Versuch gedacht, ihm das Du unterzuschieben. Aber Walther Wartborg blieb reserviert. Schweigend unterschrieb er die Abholpapiere und schleppte sich, den Hund hinter sich herziehend, durch die Tierheimtür.

"So sehen Helden des Alltags aus", dachte sich Michael. "Die machen nicht viel Aufhebens und helfen." Irgendwann rief er bei der Lokalzeitung an, um Walther zu empfehlen. Am Montag darauf knallte Walthers schwere Faust auf den Tisch, an dem Michael gerade mit den ehrenamtlichen Helfern des Tierheims Kaffee trank. "Nicht machen!", sagte Walther, und Michael wusste genau, was er meinte.

Noch ein halber Kilometer, dann war er bei seiner Wohnung. Bei jedem Schritt krachten seine Füße auf das Pflaster, so als wollte er durch den Bürgersteig ins darunterliegende Erdreich treten. Der Terrier war umgefallen und schaute schuldbewusst zu Walther nach oben. Er zog den Terrier auf seinen Arm und sicherte ihn mit dem Ellbogen. Seine Frau Erna war auch immer langsamer gewesen als er. Obwohl er es war, der die Athritis im Knie hatte. Sie lief immer so zwei Meter hinter ihm, die Augen nur auf ihn geheftet, um ihn nicht zu verlieren. Bis auf einmal kam sie immer heile rüber.

Vor einem halben Jahr hatte Walther seine Erna zum Essen in die Uni-Mensa eingeladen. Es war ihr Hochzeitstag, als Walther noch so eben die Grünphase an der Fußgängerampel vor der Uni ausnutzte. Erna hatte wieder nur Augen für ihren Walther, der ihr davonlief. Die Augen des jungen Mannes im Fiat klebten an dem Chihuahua, der vom Nebensitz vor die Bremse im Fußraum gehüpft war. Nicht angeschnallt, der Hund. War auch viel zu klein dafür, dachte Walther.

Er kam mit seinem West Highland White Terrier an der Ampel an. Es war grün für Fußgänger. Walter ging nicht. Er wartete. Nach einer Stunde war der Student da. Er hatte noch Verband um den Kopf. Walther brachte den Hund mit einem Stich in dessen Bauchgegend zum Knurren. Der Student guckte hinüber. Bleiches Gesicht. Er machte gar nicht erst Anstalten, wegzulaufen. Walther holte aus. Der Hund flog von der roten Fußgängerampel zu der gegenüber. Die Wucht hatte den Studenten auf das Pflaster geschlagen. Der Terrier lag reglos auf seinem Gesicht. Walther drückte ihn mit seinem Fuß beiseite. "Ich weiß", brachte der Student durch seine blutenden Lippen hervor und drehte müde seinen Kopf weg.

Nachdem Erna auf der Kühlerhaube aufgekommen war, hatte sie sich einmal in der Luft gedreht. Fast wie eine Ballerina, nur senkrecht. Als der Student mit dem Chihuahua auf dem Arm aus seiner Autotür kam und herausstieß: "Mein Gott, zum Glück ist Ihnen nichts passiert", hob Walther seinen Arm und zeigte auf seine Frau hinter dem Fiat. Mit auf dem Rücken verschränkten Arm lag sie da auf der Kreuzung. Ihr anderer Arm zeigte nach vorne zeigte, als wollte sie nach etwas greifen. Walther riss den Hund aus den Händen des Studenten und holte zum ersten Wurf aus.

Donnerstag, September 27, 2007

Zarte Hülle



Nimm mich und beiße ordentlich zu.
So war mir, dass Du riefst.
Nur ich war ohne Mut.

Lange liegst Du da, und ich lauf an Dir vorbei.
Dein Rufen immer leiser.
Bis nichts mehr davon bleibt.

Tage, Wochen. Deine Figur verliert an Form.
Dein einst so knack'ger Leib zerfurcht,
Deine Jugendlichkeit verloren.

Du bist alt, runter von meinem Tisch.
Du bist nur ein Nahrungsmittel.
Und ich mag Dich nicht.

Lederapfel – die Zeit der Vitamine ist vorbei.
Lederapfel – statt Dir schluck ich lieber Arznei.

Berühren will ich Dich schon lange nicht mehr.
Ich habe Angst, Dich zu zerquetschen,
noch mehr Angst vor dem Verzehr.

Dein Gesicht hat all sein Farbe verloren,
Du bist runzlig und braun,
Die Frucht in Dir vergoren.

Lederapfel – hör auf, mich zu umwerben.
Lederapfel – in Dir lauert das Verderben.

Kühn greif ich Dich, Du entgleitest mir,
explodierst auf den Fliesen,
Deine Haut war dünn wie Papier.

Ich kehre Dich auf, Du bist nur noch Dreck,
schubse Dich in den Kompost,
auf dem Küchenboden mahnt ein Fleck.

Lederapfel – verachtet und ausgestoßen,
Lederapfel – das Leben macht vieles.
Doch es bettet keine Früchte auf Rosen.

Donnerstag, September 20, 2007

Hut ist gut

Neulich stiefelte ich durch mein Elternhaus. Da traf ich auf einen vielversprechenden jungen Künstler. Nur tausend Schwüre brauchte ich, um ihm sein Erstlingswerk abzunehmen. Sein feiner Strich und sein gestochenes Wort zeigen uns einen Mann von Welt.

Freitag, September 14, 2007

Mit Anzug und Kostüm in die laue Sommernacht

Was ist an dem nebenstehenden Bild falsch?
a) Das Lächeln des Mannes (rechts).
b) Die Zähne von einem der Fotomodels.
c) Seit wann ist denn das Atomium abends beleuchtet?

Quelle: tagesspiegel.de

Mittwoch, September 12, 2007

Hauskau

Seit kurzem hat Malik Heilmann eine neue Gewohnheit. Er schrumpft sich Gebäude und legt sie dann als Beilage zwischen seine Mahlzeiten. Seine Freundin Ilona findet das nicht gut.
"Was sollen denn die Leute sagen?", fragt sie.
"Welche Leute?", sagt Malik.
"Na, die in den Häusern", sagt Ilona.
"Denen macht das nichts - die winken doch immer ganz stürmisch, wenn sie mich sehen", sagt Malik und schiebt sich gemächlich einen Hauptbahnhof-Burger in den Mund.

Freitag, September 07, 2007

Picture Recycling (3)


Dieses Gewässer enthält keinen einzigen Fisch. Das ist rechtlich so angeordnet. Bedauerlich für das Entenpärchen (hinten im Bild), das den See schon seit Jahren bewohnt: Es sind keine schleimigen Nachbarn vorhanden, über die es sich aufzuregen lohnen würde.

Donnerstag, September 06, 2007

Wishfulness

In case suddenly a fairy would knock at my door to allow me one wish, I would utter: "Give me Das große Paul-Maar-Buch". In 1989 (maybe one year later) I could for the first time lay my hands one that amazing book by Paul Maar, autor of "Das Sams" - which is actually a book I'm not very fond of.
In contrast, "Das große Paul-Maar-Buch" is equipped with glamorous optical illusions which are - as I now have learned - pretty conventional but nonetheless irreversibly tangled in retrospects on my childhood. I expected to find that book in a grey, simple cover when I looked for it on the internet. But it is not what it's used to be: The collection of poems, riddles and tales is currently tied up in orange flaps.

Sonntag, August 26, 2007

Alte Braten in neuen Schläuchen (1)

Mancher Mensch verdirbt daran, dass er Dinge so gut machen will, dass er sie nie vollendet. Einer schreibt Jahre an seinem Buch über menschliche Pflichten und bleibt's schuldig, seine Weisheit der Menschheit zu übergeben, einer streut so lange Gewürze in die verkochende Suppe, bis sie nach allem schmeckt und sie - mit Salz, das Schnee von Bürgersteigen wegbrennen kann - keine Zunge mehr berühren darf, einer findet nie die beste Pointe und vergisst darüber die gute zu erzählen.

Schade nur, dass es keinen Einheitsgeschmack gibt. Das Optimum meint doch nur der zu sehen, der sein Werk als ideal betrachtet, und mit ihm die, die er von der Meinung überzeugen kann. Falschmachen geht nicht, und ja: Das gilt ebenso für Richtigmachen. Viele wissen das nicht.

In meinem Kopf wohnt ein Sammler. Und der weint, weil er sieht, wie Menschen ihre halbfertige Kunst wegschmeißen, weil sie kein Ende finden. Der Sammler will die Stücke aufklauben und behalten.

Das macht er schon, seitdem meine Hände malen und schreiben. Es ist wenige Tage her, als diese Hände einen Schuhkarton hervorzogen, in dem alte Ausgaben vom Gemeindebrief der Kirchengemeinde Jherings-/Boekzetelerfehn zusammengepresst stehen. Als Konfirmand begann ich 1995, Texte und Bilder auf Din-A-Bogen zu kleben, die als Vorlage in die Druckerei gefahren wurden. Vielleicht ist das folgende Stück mein erstes Comic in dem alle paar Monate erscheinenden Heft gewesen. Ich kann mich nicht erinnern, aus welcher Fernsehzeitung ich den Witz geklaut habe:


Erkennbar ist meine deutliche Vorliebe für das Alltägliche. Die Akteure sind Jens und Hermann - zwei Namen, deren Träger man mindestens sonntags dutzendfach in deutschen Fußgängerzonen findet. Mich hat überrascht, dass ich schon seinerzeit mit dem Thema Dänemark hantiert habe, in einer mentalen Schlichtheit, die ich bis heute nicht abzulegen bereit bin. Nur: Hätte nicht jedes außerhalb Deutschlands liegende Land für den Witz herhalten können? Was macht "Dänemark" bemerkenswert? Womöglich sind es die geistigen Verbindungen, die einem zufliegen: "Mark" gerät im Gehirn schnell in Verbindung mit Tomaten, "Dänen" klingt nach sportlicher Aufwärmphase. Verkoppelt ergibt das eine herrliche Mischung, die an Leibesübungen in Tomatenpampe denken lässt.

Freitag, August 17, 2007

Vom Antlitz

Eine Auesserung, die ich bislang im Zeltlager am Mittelmeer nicht vernommen habe,
deren Aufkommen ich aber kaum erwarten kann, weil sie eine beobachtenswerte Irritation verursachen duerfte: "Nimm Deine Fresse aus der Sonne - ich moechte gluecklich sein!"

Mittwoch, August 15, 2007

Nachts nahe der Costa Brava

Sehr ueberzeugend fand ich das naechtliche Ereignis, nach dem ich mich - vorher noch traeumend - zwischen Zeltwand und Feldbett gefangen im Schlafsack wiederfand. Ich vermute, nach guten drei Minuten war ich wieder frei.

Donnerstag, August 02, 2007

Anruf um 20.31 Uhr


Der kleine Junge, der Tiere mag, nimmt den Telefonhörer und wählt die Nummer aus den Kleinanzeigen.

Kleiner Junge: Hallo, Sie hatten eine Anzeige in der Zeitung. Sie wollen Chinchillas verschenken. Haben Sie die noch?

Antwort: Wie alt bist Du denn?

Kleiner Junge: Ich, äh... 20.

Antwort: Die Chinchillas sind leider schon weg.

Kleiner Junge: Okay. Dann Tschüs.

Sonntag, Juli 15, 2007

Radio-Report aus Skandinavien (18)

Zum letzten Mal als ERASMUS-Student aus Roskilde. Mit Gummistiefeln übers Roskilde-Festval, enttäuschende Red Hot Chili Peppers, Plünderungen nach dem Openair. Sendedatum bei Hertz 87.9: 11. Juli 2007.


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Sonntag, Juli 08, 2007

Kreuzungsrast


Wet feet. 3.20am, 7 July, intersection Køgevej/ Søndre Ringvej in Roskilde, DK.

Samstag, Juli 07, 2007

Vielleicht besser Öffentlicher Personennahverkehr

Prolog: Die wahren Helden kennt keiner, weil sich
niemand in der Hektik ihre Namen aufschreibt.

Ich komme mir vor wie ein hauptberuflicher Radrennfahrer, der sein Gefährt bei Beschädigung gegen ein neues austauscht und dann rasant weiterfährt. Die wenigen Unterschiede liegen darin, dass ich nicht professionell radfahre, dass meine Ersatzvehikel nicht neu sind und dass ich oft nur langsam vorankomme.

Seit Tagen ist mein Fahrrad kaputt. Der Hinterreifen hat keine Luft mehr, lässt sich nicht mehr langfristig vollpumpen. Mein erstes Austauschrad bekam ich von Klaudia. Das Rad war blau und klein und brachte mich durchaus nicht unschleunig zum Roskilde-Festival, in etwas mehr als einer halben Stunde, weil wir zeitig waren und uns nicht hetzen wollten. Sechs Kilometer ist es von der Uni zum Festivalplatz. Klaudia konnte mir das Rad am nächsten Tag nicht mehr leihen, weil sie einen Besucher erwartete, der auch zum Festival radeln wollte.

Ich fragte unseren Hausmeister Søren. Er bot mir sein altes Rad an. Es habe aber einen Platten, doch damit ließe es sich im Notfall vielleicht trotzdem fahren - eventuell nachpumpen, empfahl er mir. Ich kam bis ans Ende des Campus'. Dort hastete ich hoch zu Melanie in die Wohnung. "Krieg ich Dein Rad? Ich hab eine Verabredung beim Festival." Melanie war zögerlich, wohl auch weil sie eigentlich telefonierte. "Ja. Aber musst vorsichtig sein, aus dem Hinterreifen geht die Luft raus." Ich sollte ihr versprechen, dass ich das Rad nicht demoliere und den platten Hinterreifen nicht mehr plätte. Falls ich das täte, müsse ich das Rad reparieren. Schlüssel, rauf aufs Rad, weg.

Der Reifen war platt, ich pumpte nach und hörte, wie Luft aus dem Ventil zischte. In der Parallelstraße zum Københavnsvej, der nach Roskilde hineinführt, gibt es einen Fahrradladen in einem Keller. Ich schaffte es dahin, die Frau an der Kasse schickte mich nach hinten durch zum Fahrradmechaniker, der vermutlich ihr Sohn ist. "Do you speak Englisch. I need..." Er hielt mir ein neues Ventil hin und blickte zu seinem Kellerfenster. Da lehnte mein Leihrad. Er hatte gesehen, wie ich das kaputte Ventil aus dem Hinterrad gerissen hatte, um ihm zeigen zu können, was ich brauchte. "It's a gift", sagte er und ich umarmte ihm, sagte, ich sei noch nie so glücklich gewesen in meinem Leben, und wir tranken Tee und wurden gute Freunde. Gut, alles nach dem ersten "und" im vorangegangenen Satz ist Tagträumerei - aber so hatte ich mich in dem Moment gefühlt. Und nun weiß ich nicht einmal den Namen meines Beinahefreundes.

Ich brachte Melanies Rad in der Nacht repariert zurück. Am nächsten Tag brauchte sie es selber. Wieder Klaudia fragen. Ein Fahrrad habe sie noch, das habe aber einen Platten. Egal, besser als keins. Nachpumpen geht ja immer. Ich nahm das Rad und pumpte nach, allerdings nur anfänglich. Dann akzeptierte ich, dass ein Vorderrad besser als ein Hinterrad in der Lage ist, 30 Minuten lang ohne Luft auszukommen. Als ich nach der halben Stunde ankam, hatte ich schon Angst vor der Rückfahrt - Felge auf Pflaster macht Krach, und ich hatte keine Lust auf Kommentare von nächtlichen Fußgängern, die mir erzählen, was ich weiß: Der Reifen ist platt. Meine Furcht war unnötig, keiner behelligte mich.

Gestern habe ich mein eigenes Fahrrad geflickt. Bei Harald Nyborg im Industrivej habe ich mir einen günstigen Fahrradschlauch in 28-Zoll besorgt (knapp 20 Kronen, ungefähr 2,70 Euro), außerdem einen neuen Fahrradmantel (um die 55 Kronen, entspricht etwa 7,40 Euro). Klaudias 26-Zoll-Rad hatte mich zu dem Handwerkermarkt gebracht. Die Kette sprang neuerdings häufiger als vorher ab. Manchmal steckte sie auch einfach fest, dann musste ich mit Gewalt in die Pedale treten, so dass sie wieder absprang, aber so immerhin beweglich blieb.

Bei Harald Nyborg nehmen angehende Kunden sich im Eingang ein Klemmbrett. Dann schauen sie sich im Laden um, finden, was sie haben wollen und tragen dessen Buchstabennummernkombination auf das Formular auf dem Klemmbrett. Den Zettel reichen sie dann am Tresen neben der Kassen ein und warten, bis der Name aufgerufen wird, den sie oben aufs Formular geschrieben haben. Im Kassenbereich gucken sie sich vorher DVD-Hüllen mit alten dänischen Filmen an oder suchen sich ein Zelt für das Roskilde-Festival aus (das können sie ohne Formular kaufen). "Jörg", sagte mir ein Verkäufer, nachdem er den Waschkorb mit meinem Fahrradschlauch hervorgeholt hatte. Den Fahrradmantel holte er aus der Ecke zum Lager, in dem sein Kollege meine Bestellung zusammengesucht hatte.

Der Schlauch ist beim Aufpumpen geplatzt. Daniel half mir, und wir beide waren zu hastig, weil wir doch zum Festival wollten, und die Luftpumpe war miserabel, weil sie die Luft am Ventil vorbeischoss. Flora lieh mir ihr Rad. Es war das erste Mal, dass ich eine längere Strecke ohne Fahrradbremsen gefahren bin. Genaugenommen hat das Rad Bremsen, aber ein Druck darauf ist eher symbolisch und machte mir in seiner Wirkungslosigkeit jedesmal deutlich, dass ich schleunigst meine Gummistiefel ausfahren und auf den Asphalt pressen sollte. Die Bremsklötze am Rad sind ja auch aus Gummi, die Bremswirkung der Stiefelsohlen dürfte also ähnlich sein, wenn auch weniger kontrollierbar. Flora gab mir zwei Schlösser für das Rad mit. Eins blieb unberührt, das andere wurde komplett zusammengezwirbelt (aufgezwirbelt ist es im Bild zu sehen). Das Rad widerstand jener Attacke und wartete am Bauzaun auf mich. Mein Begleiter Xiangnan und ich drängten uns aus dem Pulikum im "Odeon" heraus - auch wenn The Brian Jonestown Massacre prima war. 3 Uhr. In der Nacht sind Bremsen weniger wichtig als tagsüber. Wieder zu Hause kochten wir Bratkortoffeln, Fischstäbchen und Penne mit gedünsteter Tomate, Gurke und Ei.

Ich habe mir einen neuen Fahrradschlauch gekauft.

Freitag, Juli 06, 2007

Durchwässertes Openair-Konzert

Der Start des Roskilde-Festivals. Jörg Heeren (ich) im Gespräch mit Tim Jauer in "Der Morgen" auf Hertz 87.9.

Radio-Report aus Skandinavien (17)

Ich besichtige das Frederiksborg-Schlosses in Hillerød - innerhalb von 15 Minuten kurz vor Ende der Öffnungszeit, ich gehe zum Warm-Up des Roskilde-Festivals, ich hab mein Zugticket nach Hause gekauft. Sendedatum bei Hertz 87.9: 4. Juli 2007.



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Samstag, Juni 30, 2007

Radio-Report aus Skandinavien (16)

Ich mache zum zweiten Mal auf den Weg zur Carlsberg-Brauerei in Valby, diesmal auf dem Rad. Außerdem besuche ich den überdimensionalen Spielplatz "Experimentarium" in Kopenhagen und bereite meine Diplomarbeit vor. Sendedatum bei Hertz 87.9: 27. Juni 2007.



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Donnerstag, Juni 21, 2007

Radio-Report aus Skandinavien (15)

Ich unterziehe mich einer fremdsprachlichen Prüfung, fahre in den Norden und zappele auf der Tanzfläche im Funk- und Soul-Schuppen "Ideal Bar". Sendedatum bei Hertz 87.9: 20. Juni 2007.



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Mittwoch, Juni 13, 2007

Radio-Report aus Skandinavien (14)

Ich fahre als Chauffeur internationale Wissenschaftler durch die Gegend, futtere ein erlesenes Sieben-Gänge-Menü und bestehe die Dänischprüfung für Anfänger. Sendedatum bei Hertz 87.9: 13. Juni 2007.



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Freitag, Juni 08, 2007

Schnuller an den Suttetræ


Kære Suttetræ (lieber Schnuckelbaum),
pass gut auf meinen herrlichen Schnuller auf, ich habe ihn sehr gemocht. Jetzt bin ich fast drei Jahre und ein großes Mädchen und zu alt, um noch den Nuckel zu benutzen. Pass darum also gut auf meinen Schnuller auf.
Liebe Grüße ...


Daumenlutschen verursacht schiefe Zähne, ebenso wie Schnullernuckeln. Das sagen Eltern, und Pädagogen führen an, dass zu langes Nuckeln auf psychische Probleme hinweisen. Meine Mutter hat mir eine übelschmeckende Tinktur auf den Daumennagel geschmiert (das Mittel soll auch gegen Nägelkauen helfen), die ich erst einmal weglutschen musste, bevor ich weiter komfortabel nuckeln konnte. Vier war ich da vielleicht und wollte genauso wenig auf den Daumen im Mund verzichten wie auf den Schlafsack, den meine Mutter mir aus alter Bettwäsche genäht hatte. Aus dem Schlafsack wuchs ich heraus, und auch das Daumenlutschen passte mir irgendwann nicht mehr.

Meine Eltern blieben harmlos, andere Eltern setzen auf psychologische Erziehungstricks. "Du bist doch viel zu groß fürs Nuckeln. Die anderen Kinder in der Nachbarschaft lachen ja schon. Und außerdem: Du willst doch unbedingt selber Auto fahren, oder? Das darf man erst, wenn man erwachsen ist. Und wer nuckelt, der ist noch ein Baby (einsetzender Singsang:) ein Baby, ein Baby, ein Baby." So plaudernd, erobern Mütter und Väter wichtiges Terrain im Bewusstsein ihres Schutzbefohlenen und werben indirekt für den Besuch eines gewissen Baumes.

In einem Land, in dem der Staat gewährleistet, dass mehrere Monate alte Babys in die Krippe kommen, damit die Mutter weiter arbeiten oder studieren kann, in dem Wickelräume allenthalben verfügbar sind, in dem Parks sommers vor werdenden Müttern nur so strotzen und eine schwangere Tänzerin beim Kopenhagener Karneval nicht belächelt wird, zumindest nicht mitleidig, ― in so einem Land macht es kaum wunder, dass die Schnullerabgewöhnung institutionalisiert wurde und nicht privat daheim vor sich geht: Der Schnullerbaum im Frederiksberg-Park in Kopenhagen hängt voll mit Bekenntnistexten wie dem eingangs wiedergegebenen, die Eltern für ihre Kinder verfassen, um dann feierlich gemeinsam mit ihrem Kleinkind den Nuckel in einen der Zweige zu hängen und das orale Befriedigungsinstrument der Verrottung preiszugeben.

Bleibt noch die zweite Möglichkeit des Nuckelns. Pädagoge Paul Suer hält eine andauernde Daumenlutschung für nicht angewöhnenswert. Als Gründe nennt er die Gefahr schiefer Zähne und eine mögliche "starke[n] Gewöhnung, die manchmal nur schwer abzubauen ist". Mein Daumen hat seit Jahren nur selten den Weg in meinen Mund zurückgefunden, und wenn, dann nur, um hastig die Blutung von Küchenmesserschnittwunden zu bremsen. Meine Zähne sind schief, doch das ist die Schuld einer Betondecke in meinem Heimatort und ihrer schwungvollen Karambolage mit meinem Kinn zur Zeit der deuschen Wende. Anders als der Daumen begünstigen Schnuller aus Latex oder Silikon das Wachstum von Kinderkiefern, merkt Suer an. ― Und sie können später in einem Ritual an besagten Baum gehängt oder anderweitig weggeschafft werden.

Die Kommune Frederiksberg fragt provokativ auf ihrer Internetseite: Gibt es einen Suttetræ in Frederiksberg? Und antwortet sich selbst und ihren Lesern, dass es einen gebe, und zwar im Park. Auf einer speziellen Miniaturausgabe der Parklandkarte ist zu sehen, wo.

Es gibt Anzeichen dafür, dass es in Dänemark mehr als diesen einen Hauptstadtschnullerbaum gibt. Wikipedia Dänemark äußert sich etwa knapp zum Suttetræ (folgend eine freie Übersetzung): "Ein Schnullerbaum ist ein Baum, in den Kinder ihre Schnuller hängen, wenn sie ihnen entwachsen sind oder wenn ihre Eltern und Erzieher möchten, dass ihre Kinder sich von ihren Schnullern emanzipieren". Jüngst haben meine Kommilitonen und ich im Jægersborg Dyrehave (Wildpark) nördlich von Kopenhagen einen Schnullerbaumsprössling entdeckt: Da hängt ein Schnuller mit Namen Arthur und wartet auf seine Brüder und Schwestern.

Donnerstag, Juni 07, 2007

Radio-Report aus Skandinavien (13)

Schnuckelbaum im Frederiksberg Park in Kopenhagen, begaffte Kleine Meerjungfrau, Fotografierverbot im Alternativstadtteil Christiania. Ich als Tourist in Dänemark (Teil 2). Sendedatum bei Hertz 87.9: 6. Juni 2007.



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Freitag, Juni 01, 2007

Radio-Report aus Skandinavien (12)

Ich nach vier dænischen Bier, spæter Karneval in Kopenhagen und Hamlets Burg in Helsingør. Meine Woche als Tourist in Dænemark (Teil 1). Sendedatum bei Hertz 87.9: 30. Mai 2007.



Dem diesmaligen Radio-Report møchte ich eine Warnung beifuegen: Bier fuehrt zu Zungenkontrollverlust. Hier der Beweis - meine Versprecher im Zwiegespræch mit meinem Kollegen Michael Bøddeker:



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Mittwoch, Mai 23, 2007

Radio-Report aus Skandinavien (11)

Ich komme ins Fernsehen, sehe das abgerissene Kopenhagener Ungdomshus mit eigenen Augen — und da war noch was: Niederländer inspizieren die Roskilder Uni, und ich helfe ihnen dabei. Neue dramatische Ereignisse aus meinem Leben. Sendedatum bei Hertz 87.9: 23. Mai 2007.


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Freitag, Mai 18, 2007

Krabbelndes (1)

Schwarzbild. Weißer Titel blendet sich ein: Begegnungen. Missklingende Klaviertöne schrillen aus dem Fernsehlautsprecher. Weiche Blende lässt einen Mann erscheinen, der sich seine Hornbrille auf die Nase rückt. Er hüstelt. Seine Brille fällt ihm von der Nase. Er bückt sich.

Unvermittelt eine Stimme aus dem Off: Jurek Heersky. Sie sind ein ausgemachter Tausendsassa. In jungen Jahren haben Sie sich mit einer Pizzeria selbstständig gemacht, Sie haben als Unterwassermonteur in der Karibik gearbeitet, jüngst haben Sie Ihre Nouvelle "Faktisch ist die Serviette auf meinem Teller keine Speise" veröffentlicht. Und nun sitzen Sie in dieser Sendung.
Heersky (schnellt hoch, presst sich die Brille zurück ins Gesicht): Da wäre ich nicht so sicher.
Off-Stimme: Sie sitzen nicht hier?
Heersky: Ich habe mich niemals richtig selbstständig gefühlt mit meiner Pizzeria. War vollkommen abhängig von der Gunst meiner Kundschaft. Oft kam keiner, obwohl ich eine erbauliche Produktpalette hatte. Meine Pizzen waren immer auch Kunst. Das haben die meisten nicht verstanden. Haben die Pizzen einfach verschlungen, ohne sich vorher nur ein wenig mit ihrem Wesen zu beschäftigen. Spax und Unterlegscheiben, die ich als Reminiszenz an die zunehmende Verschraubtheit der modernen Welt in den Teig eingearbeitet hatte, fanden ihren Weg in die Mägen des Pöbels.
Off-Stimme: Und nun ein Buch.
Heersky: Ich habe niemals ein Buch in Pizzateig geknetet. Ist einfach zu auffällig. Besser sind kurze Senkkopfschrauben, und die Unterlegscheiben sind unter Olivenringen leicht zu verbergen.
Off-Stimme (offenbar ein Interviewer, Ton kommt links aus dem Fernsehlautsprecher): Ihre Nouvelle handelt von einem Mann, der sich vom Diskurs "Nahrung" freimacht.
Heersky: Was ist Nahrung, was ist eine Speise? Seit Menschengedenken, vermutlich noch länger, stopft der Homo sapiens sapiens Dinge in sich hinein, die er als essbar erachtet. Früchte nennt er sie, Fisch, Obst, Fleisch. Iss das, dann bist du einer von uns, ein Mensch, so lautet die Botschaft. Wer anderes speist oder gar nicht speist, wird geächtet, darf nicht mehr Mensch sein. Ich sage nun, wer will einem Feuerschlucker, wer will einem, der Scherben isst, wer will Mohandas Karamchand Gandhi, der seiner Speiseröhe lange nichts Organisches anvertraute, absprechen, Mensch zu sein. Ich nicht.
Off-Stimme: Was gab es bei Ihnen heute zum Frühstück?
Heersky: Erdbeeren, Lachs und Humuspaste. Dazu Mohnbrötchen.
Off-Stimme: Wird nicht hier eine gewisse Inkongruenz offenbar zwischen Sagen und Tun, zwischen Ihrem persönlichen Anspruch und Ihrem Gefangensein in der Wirklichkeit?
Heersky: Und Pudding. Ich hatte auch Pudding. Zugegeben: Die Vanillesauce sagte mir wenig zu. Ihre Konsistenz war so, ja: flüssig, hatte keinen Halt in dem, was wir Realität nennen und was mir heute morgen der Pudding war.
Off-Stimme: Ihr Elternhaus... Ihre Eltern betrieben überaus erfolgreich ein Pharmazieunternehmen. Hat Sie das beeinflusst?
Heersky: Ich habe nie verstanden, dass Tablettenkonsum niemals offiziell als Form der Nahrungsaufnahme akzeptiert wurde. Meine Eltern hatten erhebliche Schwierigkeiten bei der Akquise neuer Ertragssektoren, weil Kantinen, insbesondere die staatlichen, dem Catering-Service unseres Familienunternehmens ablehnend gegenüber standen. Die Idee meiner Eltern war, die Tabletten wöchentlich zu liefern, in kleinen Plastikchachteln, mit kleinen Fächern. Eins für jeden Tag. Und pro Tag eine andere Speisenfolge. Mal nur grüne Pillen, mal eine bunte Mischung. Mal was gegen Schnupfen, dann was für Osteoporose.
Off-Stimme: Das geschäftliche Wirken Ihres Vater und Ihrer Mutter hatte demzufolge starken Einfluss auf Ihr künstlerisches Schaffen.
Heersky: Nein. Ich habe nie Tabletten in den Teig geknetet. Die hätten sich ohnehin zu leicht aufgelöst und womöglich der Pizza eine unerträgliche Farbgebung besorgt. Ich bin Künstler, ich will die Kontrolle behalten.
Off-Stimme: Und doch schienen Sie jegliche Kontrolle verloren zu haben, als Sie im Sommer 1988 tausende von argentinischen Rindern mit Antibabypillen fütterten.
Heersky: Sie verzerren Tatsachen. Die Rinder kamen zu mir. Ich stand nur am Weidenrand und hatte zufällig Tabletten aus der Überproduktion meiner Eltern in der Hand.
Off-Stimme: ... aus der die Rinder gefressen haben. Sie hatten mehrere Tonnen Antibabypillen nach Argentinien eingeschmuggelt.
Heersky: Es ist nicht verboten, mit einem Boot nach Südamerika zu fahren.
Off-Stimme: Es handelte sich um einen Frachter mit 20.000 Bruttoregistertonnen.
Heersky: Das Ausflugsboot meiner Eltern. Ein Teil der nordeuropäischen Bohème und ich hatten uns aufgemacht, das Leben in der Fremde zu erkunden.

Off-Stimme: War es nicht vielmehr eine Reihe von DDR-Bürgern, denen Sie die Flucht in den Westen versprochen hatten?
Heersky: Liegt Argentinien etwa nicht im Westen?

[wird fortgesetzt]

Themen des zweiten Teils könnten etwa sein: Warum Heerskys Eltern trotz Scheidung noch gemeinsam tapezieren, welche Farbe der Frachter hatte und ob auch Zwiebeln auf der Pizza waren.

Mittwoch, Mai 16, 2007

Radio-Report aus Skandinavien (10)

Ich als Möbelpacker, die dänische Offenheit und italienische Ahnungslosigkeit beim Eurovision Song Contest. Eine Woche im Leben eines ERASMUS-Studenten im Überblick. Sendedatum bei Hertz 87.9: 16. Mai 2007.


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Sonntag, Mai 13, 2007

Eat up Nature


I waited two weeks because I wanted to test how the effect on me was. No negative progressions. My organism stayed stable. Or at least as stable as I know it.

Today I have picked again dandelion* and tore it into pieces before I washed it. It tastes a little bitter. Therefore I decided to combine it with diced onions and tomatoes, iceberg lettuce, sliced kiwi, pieces of orange and feta dices. I added black pepper, salt and some vegetarian bouillon powder. I was in a scrape and had to take the latter because Denmark's supermarkets are badly equipped with industrial salad dressing. Furthermore: sunflower seeds plus salad oil and vinegar.

In the end I am very pleased with the result of my endeavours: a composition that provides my tongue with the most incredible adventure, a journey from undisturbed fields and forests of mother nature to the virtuosity of human food chemists and their magic greenhouses and field tests. Garnished with the innovative spirit of my mind.

Generally, I love organic food picked next to my frontdoor. My maternal grandmother always picked stinging nettles in front of her door to prepare them as spinach for my grandfather, maybe because it was healthier in view of his diabetes. And it was my grandmother who showed me that I can eat common sorrel** from the willow of my parents' house. It were the neighbour's child and my brother who told me that I can eat a green plant with white blossoms which sprouted sporadic near to our play area. It was me who survived it just as the water I drank which came out of a pipe leading in the canal in front of our house.

This experience made me more courageous: I started to eat daisies***, pieces of grass, blossoms of buttercups. The ant — I gulped it only because it as object of a bet. The earthworms — I never really ate them, neither the spiders.

That reminds me of peoples that dine insects without any reluctance. A earthworm is admittedly no insect, more an annelid (by the way: here a picture of a mating couple) and surely an articulate animal (Articulata) as well as an ant (here it is milking a greenfly) or spiders. I recall that my chinese neighbour told me that inhabitants of his country let vanish scorpions in their mouth. Once he let disappear a part of a crocodile that tastes like chicken (or dog — I can't remember). I personally don't know what Native Americans ate apart from buffaloes, maybe once in a while accidentally midges. What I know is that their offspring partly pays no tax in Canada.

This detection leads me to my grandfather's overdelivery that he was a chieftain when he was younger. Therefore I always placed his past life in America, in the community of the indigenous people in question. Later I got aware that my grandfather actually alluded to his surname which refers to the tradition of an old East Frisian dynasty. Possibly it is unworthy for a descendent of the nobility to eat crawling or sprouting parts from outside. On the other hand nobody ever cleared up me about what a aristocrat must eat or not. Potentially, in decent times it was not goose liver but insects as part of the order of courses. I even heard about people eating pieces of amphibians and pull snails out off their houses to consume them. Presumably, the punishment is that they aren't successful in trans-European music contests.

* In German of course "Löwenzahn". And there is another term for it that I nearly forgot: "Kuhblume". On the background of my experiences I would have called it "Kaninchenblume" or "Meerschweinchenblume" since I know for sure that the rabbits that my siblings and I once had surely ate dandelion. And Pelle, my Angora guinea pig, was also fond of eat. He is dead now.
** In Latin Rumex acetosa, German: Wiesensauerampfer.
*** I just have decided not to translate any words in this article any more. You know that "daisies" don't refer to a multiplicity of Donald Duck's girl-friends, do you? Not? Look here.

Donnerstag, Mai 10, 2007

Für oben: Bitte zugreifen!

Wie oft kommt das vor: Der Redakteur hat einen tollen Bericht geschrieben und jetzt sucht er eine aufregende Überschrift. Oder: Der Blogger hat was richtig Interessantes erlebt, der Text schrieb sich wie von selbst und nun will ihm kein provokanter Titel einfallen.

Für solche Fälle möchte ich heute einen innovativen Service anbieten: Vorproduzierte Überschriften. Zum Mitnehmen und Ausprobieren! Da ist für jeden was dabei — für Naturfreunde, Historiker, Anlageberater wie auch für unsere Kleinen*. Bisher getestete Effekte der Überschriften sind Schmunzeln, Schock, Staunen und Kopfschütteln, außerdem Neugier.**


  • "Unser Charly" gibt die 100 besten Tipps gegen Rückenbehaarung
  • Für dieses Taschentuch starb der Tropenwald
  • Zehen bitte in die linke Tonne
  • Bitsch ist ein deutscher Familienname
  • Professor (51) stirbt infolge Schildkröte
  • Deutschland geht der Schlamm aus
  • Ex-NSDAP-Ortsgruppenführer verkauft Eis an Vierjährige
  • Omas Kühlschrank als Altersruhesitz
  • Wie der Dinosaurier in den Benzintank kam
  • Mit Sandkuchen fing es an: Max (4) ist Millionär

Da bleiben Fragen offen, da wird Spannung erzeugt, da öffnet sich so mancher Mund krampfhaft weit, um dem Körper durch heftiges Einatmen eines Stoßes Luft den dringend benötigten Sauerstoff hinzuzuführen.

Praktisch sind die Überschriften auch für Geschichtenerzähler, die gerade nichts zu erzählen haben. Mit einem der oben ausleihbaren Titel sind sie wieder gut im Rennen und haben den Anfang ihrer neuesten Anekdote, eines Gerüchts oder wahren Erlebnisses ohne große Eigenleistung gesichert.

* Gemeint ist hier freilich nicht, dass der Autor sich Nachwuchs mit dem gerade diesen Text überfliegenden Leser teilt. Er verwendet nur eine beliebte Umschreibung für die Menschengruppe "Kinder".
** Die Tests blieben im Besonderen wie im Generellen ohne brauchbare Ergebnisse.

Mittwoch, Mai 09, 2007

Radio-Report aus Skandinavien (9)

Drei runde Kirchen, Bier ohne deutsches Reinheitsgebot, Wasser, das gegen das Kliff knallt. Meine Erlebnisse auf der Insel Bornholm im Überblick. Sendedatum bei Hertz 87.9: 9. Mai 2007.


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Montag, Mai 07, 2007

Tagessatz: Wenn Floristen zu sehr lieben

[Fussballernie spricht mit einer Blume]

Ernie: "Tu es la plus jolie fleur que j'ai vue dans ma vie!" *
Rose bleibt spröde und ohne Erwiderung.


Wenden wir uns zunächst dem Offensichtlichen zu. Ernie aus der Sesamstraße hat einen Ball an seinem linken Fuß kleben, der sich nicht mal mit Gewalt losreißen lässt, weil dieser — wie die genaue Betrachtung zeigt — aus dem gleichen Kunststoff wie jenes Geh-Vehikel gefertigt und mit ihm fest verbunden ist. Ernie und sein Fußballfuß wurden aus derselben Kunststoffpresse geboren.

Nicht minder offensichtlich ist, dass Ernie sich einer Blume zuwendet und sich ihr gegenüber in einer fremden Sprache äußert. Seltsam bekannt ist uns diese langue, haben wir doch den designierten Präsidenten eines deutschen Nachbarstaates in gleicher Zunge durch den Off-Kommentar des Nachrichtensprechers seine Absichten künden hören. Nicht wenige erinnern sich weiterhin an Gomez Adams, wie er außer sich geriet, kleidete seine Frau Morticia ihre Lockrufe in Worte, die für besagten Politiker, wenn auch in anderer Anordnung, alltäglich sind. Wie gerne hätten so viele Ausgeschulte mindestens Bröckchen ihres früheren vocabulaire zurück, um auf Parties oder in Partnerschaft Gänsehaut zu produzieren. Doch es ist die Plastikfigur Ernie, die hier lässig und frei von der Leber Französisch palavert.

Zur Analyse der Versuch einer Übersetzung, der nicht Alleingeltung beansprucht angesichts der Interpretationsbedürftigkeit jedes fremdsprachigen Wortes bei Übertragung in eine Muttersprache, Rose ist eben nicht gleich Rose, weil auch Rosa, Roos, Waridi, ורד und Rós:
Du bist die schönste Blüte, die ich in meinem (ganzen) Leben gesehen habe.

Ernie überhöht sein Gegenüber. Betrachten wir fleur als Metapher, ist die Rose, an die er sich richtet, das generell Schönste, das er jemals sah. Das heißt, Ernie erreicht einen Höhepunkt in seinem Dasein. Nicht Miss Piggy erscheint ihm als schönstes Wesen, nicht sein Quietscheentchen, und auch die Figur, die ihn im Ringelpullover aus dem Spiegel heraus anschaut, haut ihn optisch nicht aus den Socken. Er verehrt eine vertrocknete Rose und ihren tiefroten Kopf. Ihn fasziniert tote Materie. Die Lebenden um ihn herum verlieren ihren Wert, das Morbide regt — wie paradox — vitale Empfindungen in den Synapsen seines Kunststoffhirns. Es ist der mentale Sog, in den auch die Sirenen Draculas zu locken vermögen.

Weg von dem Orangegesichtigen. Wir wollen vom Singulären aufs Ganze schließen. Wiewohl Ernie scheinbar die Rose durch seine Huldigung groß macht, wissen wir um die Kraft der Worte, wir sind gewahr, dass der, der spricht, definiert. Das angesprochene Gegenüber ist "la plus jolie fleur" vor dem Hintergrund der Erfahrungen desjenigen, der spricht. Der Sprecher bestimmt, was schön ist. Er bestimmt, was nicht schön ist. Damit stellt er sich nicht nur über die, die er als weniger schön, sprich: als hässlich, verunglimpft, sondern überragt auch die Schönste. Er selbst mag sich damit zwar das Recht nehmen, am schönsten zu sein — wenn auch, genau genommen, ein Schönster neben der Schönsten als gleichwertig bestehen könnte —, in jedem Fall ist er der Mächtigste inmitten derer, über die er sich erhebt.

Kraft der Worte "plus jolie" macht er die Angesprochene bzw. macht eine Sie einen Angesprochenen nicht nur zum Schönsten, sondern auch zum Hübschesten, Nettesten, Niedlichsten oder je nach bevorzugter Übersetzung zum Schmucksten, das er/ sie je im Leben sah.

Diese Feststellung führt uns zurück zum Phänomen Sprache. Ein Franzose, der einer Französin jenen zentralen Satz entgegenschleudert, erzeugt maximal die Wirkung, die ein Deutscher innerhalb dem seiner Nation eigentümlichen Wortekanon gegenüber einer Deutschen erzielt, wenn er sagt: "Du bist die ultimativste Schnecke, die mir je untergekommen ist." Während der Franzose mit einem ablehnenden Achselzucken rechnen darf, bekommt der Deutsche zur Antwort entweder prompt den Mageninhalt der Angebeteten vor seinen Füßen ausgebreitet und/ oder wird ebenso schleunig von ihr auf ein Zimmer geführt.

In diesem Zusammenhang lässt das Bild der Blüte die Vokabel Deflorieren sich allzu bald aus dem Hinterkopf ins Bewusstsein schleichen. Durch seine Anrufung des Weibes als Pflanze oder mindestens als Teil davon, ernennt der Mann sie zum Objekt, das er zu pflücken und zur Gattin nehmen, will sagen: begatten, er sich erlauben darf. Doch gerade durch das Ausrupfen aus der Umwelt, die sie zu dem in seinen Augen schönsten Wesen gemacht hat, nimmt der Mann ihr die Basis ihrer Schönheit. Er nimmt ihre Lebensgrundlage und bringt sie in Abhängigkeit, denn es ist er, der entscheidet, ob sie in einem Wasserglas schleichend vegetieren soll oder an trockener Luft ihr Leben aushaucht und ihre beauté so gut es geht konserviert, damit er sie fortan greifen und ihrer früheren Schönheit gedenken kann.

Und sie wird wieder schweigen, während die Synapsen in ihrem dehydriertem Zellsystem einander zufunken: "C'est le plus cinglé cochon qui a farfouillé dans ma platebande!" **

* Gelernt am 1. Mai 2007 von einem französischen Besucher in Dänemark, nachdem er feststellte, dass es mir nicht gut zu Gesicht stünde, von seinen Landsleuten ausschließlich Ordinärworte beigebracht zu bekommen.
** "Das ist das bekloppteste Schwein, das je in meinem Beet gewühlt hat!"

Sonntag, Mai 06, 2007

Sprüche 1


Jens Peter fiel vom Pferd,
und der Wind blies ihn davon.

Ein jämmerlicher Stockfisch war er,
seine Frau verabreichte ihm so richtig weiche Grütze.

Niemals kam er ans Tagewerk
- dazu war sein Magen viel zu leer.

Lernen dürfen wir daraus:
Mäste Deine Liebsten.

Mittwoch, Mai 02, 2007

Radio-Report aus Skandinavien (8)

Sprachliche Neukreationen meines Vornamens und Sportverletzungen. Meine Woche in Dänemark im Überblick. Sendedatum bei Hertz 87.9: 2. Mai 2007.


Frühere Episoden: 1 + 2|3|4|5|6|7

Montag, April 30, 2007

Heimatfilm neu definiert

Ein Mann mit Clownsgesicht. Ein Bombenkoffer. Ein vielbevölkerter Marktplatz mitten in der Großstadt. Die Gefahr tickt.

Eine Mutter. Kind nach der Geburt entführt. Unauffindbar. Trauer. Wut. Neid. Ein Teleporter. Die Kinder der Stadt lösen sich in Luft auf.

Tierexperimente. Ein mutierter Schimpanse. Bizarre Intelligenz. Ein unheilbares Virus. Die Rache an der Menschheit kommt schleichend. Horror und Schrecken.

Die unglaublichste Explosion reißt den Lärm der Stadt nieder. Stille.
Mütter und Väter schreien. Pure Verzweiflung. Tausende Menschen keuchen und röcheln auf der Schwelle zum Tod.

Die Welt ist am Abgrund. Zwei Männer wissen, wie sie zu retten wäre. Doch die beiden haben ganz andere Probleme...



Es tut sich Unerwartetes in der Sphäre der Bielefelder Filmindustrie: "Superhelden — Hasenbrot und Waldgeflüster" kommt am Samstag, dem 12. Mai, in eines der Kinos der Großstadt. Doch der Film spielt nicht in der City selbst, das Gros der Handlung wurde in der Provinz aufs Magnetband gebracht, in Oerlinghausen, mitten im Teutoburger Wald. Die beiden obengenannten Männer heißen laut Drehbuch Günther und Chris und kämpfen 80 Filmminuten gewissermaßen um ihr Leben. Ja, sie versuchen, ihr Leben zu retten. Sie geben alles, um das letzte Quentchen Sinn aus ihren Leben zu drücken.

Ich war bei den Dreharbeiten dabei und spiele eine Schlüsselrolle. Denn ich habe nicht nur einen nicht unwesentlichen Teil des Tons zu verantworten, in einer Szene gebe ich zudem den Chauffeur der Helden und transportiere sie durch Zeit und Raum.

Der Film hat seine Premiere im Astoria Bielefeld. Einlass 19.30 Uhr, Beginn 20.15 Uhr. Mehr zu den Machern gibt es hier, zum Schauspielensemble hier und Generelles zu dem Werk, das das Genre Heimatfilm komplett neu definiert, da.

Samstag, April 28, 2007

Der 24-Stunden-Report (9): 10 Uhr

Ein eigener Tante-Emma-Laden für Kinder war immer das Größte für mich. Leere Miniaturverpackungen mit den Emblemen von Bonduelle, Käpt'n Iglo und Kellogg's drauf verkaufen und damit das große Geld machen. Gut, das Geld war nicht echt, aber das, was ich im Modellversuch mit meinem Bruder durchgespielt habe, brachte in mir die marktwirtschaftliche Gesinnung zum Brodeln. Das Leben wurde für mich zum Geschäft.

In jungen Jahren kaufte ich mir zusätzliche mütterliche Wohlgesonnenheit, indem ich die Spülmaschine ausräumte und Geschwister wickelte. Geld musste ich mir anders verdienen. Mit meinem Bruder und unserem Nachbarsjungen verkauften wir Blumen. 50 Pfennig pro Strauß aus dem Garten meiner Mutter nahmen wir von unseren Nachbarfrauen ein. Wir waren gut im Business, doch bald wollte meine Mutter keine Chrysanthemen mehr zu Verfügung stellen, und wir griffen auf Kleeblüten und Binsen zurück, bei gleichem Verkaufspreis. Wir erweiterten unsere Produktpalette um Steine, die wir an Tante Gertrud veräußerten. Mit 7 Mark 50 Totalgewinn zogen wir uns aus der Branche für Garten und Wohnen zurück.

In der zweiten Grundschulklasse hab ich Posiealbumbilder in einem Din-A-5-Heft mit mir herumgetragen. Die Heftseiten waren von der Mitte nach innen gefaltet, so dass sie die Bilder verbergen konnten. Meine Klassenkameraden tippten auf eine Seite in meiner Sammlung und kriegten das versteckte Bild. Ich wählte eine Seite in ihrem Heft und bekam ihr Bild. Natürlich schickte ich nur die miserabelsten und hässlichsten Bilder ins Rennen. Die gleiche Geschäftsidee griff ich vier Jahre später in der Orientierungsstufe auf: Eine schlechte Sammlung von Billig-Stickern durch geschicktes Tauschen veredeln. Bis heute verwahre ich meinen Schatz mit Disney- und "Glow in the Dark"-Stickern, um ihn in Zukunft einem wohlhabenden Nostalgiker zu verkaufen.

Mein Leben als Geschäftsmann hatte im Alter von fünf begonnen. Ich schnitt Fotos aus der Ostfriesen-Zeitung aus und steckte sie in die Briefkästen meiner Nachbarn. Ich wollte Postbote sein. Meine vorläufige Erfüllung fand ich allerdings als Abiturient beim Sammeln und Packen von Lebensmitteln im Bünting-Großlager in Leer. Ein Unterschied verglichen mit meiner Tätigkeit in meinem Tante-Emma war, dass Burlander, Obstgarten und Gutfried auf den Packungen stand und dass nicht an meinen Bruder, sondern an Märkte in Ostfriesland und außerhalb geliefert wurden.

Jede Tour durchs Lager begann mit einer Liste von selbstklebenden Etiketten, die ich auf die Kartons drücken musste, um jene in Rollcontainer zu stapeln. Statt mit Taschenrechner addierte ich das Gewicht der einzelnen Käselaibe im Kopf. Ich wollte den Zahlen nahe sein, was meinen Stundenlohn verringerte, der davon abhing, wie schleunig ich arbeitete.

Ich hatte damit meine Unternehmerschaft in Tradition als selbstständiger Postbote und Steinverkäufer aufgegeben, um abhängiger Lohnarbeiter zu werden. Für mich war der neue Lebenswandel okay. Denn ich wollte immer nur eins sein: Ein Professioneller. Ein richtiger Postbote, ein richtiger Steinverkäufer oder eben ein richtiger Kommissionierer (Lagerarbeiter).

Ich beklebe keine Joghurtkartons mehr, und heute blicke ich immer eifersüchtig auf die Kassiererinnen im Supermarkt, weil sie die Artikel über den Lesescanner ziehen dürfen und nicht ich. Mein Trost ist der Kundenscanner bei Marktkauf und Real, und im Letzteren habe ich unlängst die Selbstbedienungskasse gebraucht. Meine Ungeduld erwacht jedesmal, wenn ich in der Bielefelder Uni-Bibliothek bin. Ich versuche am Arbeitsprozess der Angestellten teilzuhaben, indem ich ihnen die erste Seite jedes Buches entblöße, so dass sie ihr Laserlesegeät ungehindert an den Barcode führen können. Manchmal drehen sie den Monitor in meine Richtung, um mir zu zeigen, welche Bücher ich noch zu Hause habe. Dann fühle ich mich fast wie einer von ihnen.

Das Königreich Dänemark, meine Zwischenheimat, hat viel zu viel Arbeit für seine wenigen 5,4 Millionen Untertanen. Deswegen ist das Land Vorreiter in Automatisierung: Tankstellen mit Kartenzahlung an der Zapfsäule, Anrufbeantworter und Spülmaschinen.

Trotzdem hat die Bibliothek des Roskilde Universitetscenters Angestellte. Die habe ich allerdings nie ein Buch auf ein Benutzerkonto buchen sehen. Sie verkaufen Kopierkarten, Tragetaschen und sortieren reservierte und zurückgegebene Bücher ein. Ich, ich bin es, der am Terminal seinen Studentenausweis in ein Lesegerät schiebt, um danach seine Bücher über den Barcodescanner zu schieben. Die Rückgabe funktioniert über einen Automaten, der den Strichcode auf dem Cover erkennt und das Buch frisst. Ich kann das den ganzen Tag tun — Buch scannen, in den Rückgaberoboter schieben, anderes Buch scannen, zurück damit, zur Abwechslung CD leihen, und wieder ab damit in den Schacht. Vollkommen eigenverantwortlich arbeite ich, wie damals als Postbote. Demnächst werde ich expandieren und meine Dienste den anderen Besuchern offerieren. Völlig ohne Bezahlung. Ich bin zurück, da, wo ich herkam.