Montag, Februar 05, 2007

Der 24-Stunden-Report (1): 1 Uhr

Dänen hatten mir ein Ständchen gewidmet, als ich im IC nach Roskilde sitze und vor mir ein aufgeregter Trainingshosenträger im Gang hin- und herspurtet, um bei jedem Gang sich im bahneigenen Automaten einen Plastikbecher mit neuem Instantgetränk zu besorgen. Die Dänen haben also Kaffeeautomaten in ihren Zügen - meine zweite Grenzerfahrung; das kenne ich aus Deutschland nicht (was womöglich darauf zurückzuführen ist, dass ich da Autofahrer bin).
Die erste Grenzerfahrung waren die Bundespolizisten im Zug Hamburg-Dänemark, die meine in ein Küchentuch gebettete und im Koffer lagernde Flasche Scharlachberg in Ruhe ließen - ja nicht einmal danach fragten -, aber den seriösen Dänen im Anzug, der mir gegenüber saß und gewöhnlich schnarchte oder telefonierte, aufforderten, seine Plastikbox aufzumachen, weil da ausländische Devisen drin sein könnten (die Dänen wollen nun mal keinen Euro, da passen sie und die deutschen Grenzpolizisten gut auf).
Das Büffet im RIZRAZ in Kopenhagen - der Anlass meines Ausflugs in die Hauptstadt - zahlte ich in Kronen (79 davon). Meine dänischen Kommilitonen taten es mir gleich, und einige legten noch 35 Kronen drauf, fürs Bier. 35 Kronen - das sind 4,697986 Euro, und solche schiefen Summen mit derart vielen Ziffern hinterm Komma mögen der Grund dafür sein, dass die Dänen ihre Krone behalten wollen; die Europäische Zentralbank ist einfach nicht bereit, Münzen zu produzieren, deren Nennwert weit unter einem Cent (z.B. bei 0,000006) liegt. Verständlich. Und das sieht auch der nicht ganz unpatriotische Staat Dänemark ein und lässt die Eurozone mit ihrer Zentralwährung allein.
Für Königin Margrethe II. ist es kein Problem, die 35 Kronen für ihr Feierabendbier aufzubringen (35 Kronen: "Das sind ja über neun Mark", würde meine euroskeptische Tante zwischenzeitlich gewiss ausgerufen haben), auch die jungen Dänen schleudern dieses Trinkgeld locker auf den Tresen. Sie haben vorher zu Hause ordentlich vorgeglüht und genehmigen sich in Bar und Disko nur noch ein, zwei Bier. Trinkgeld im engeren, deutschen und US-amerikanischen Sinn zahlen sie dann nicht, auch nicht im Restaurant. Eine dänische Studentin erzählte mir, das würde allzu angeberisch aussehen.
Weswegen ich später im Café Retro für mein Carlsberg im Plastikbecher den Lokalpreis zahlte (wenn ich nicht irre, beginnt dort die Bier-Preisliste mit einem Flaschenbier für 24 Kronen). Als ich wieder auf der Galerie anlangte, verlangten die Dänen, mit denen ich dort war, von mir die Nennung dreier Musikinstrumente. Ich rechnete mit einem Psychotest und entschied mich für Triangel, Blockflöte und E-Gitarre. Das Ergebnis war ein Geburtstagsständchen in der Landessprache. Es ging wohl darum, dass Jörg mit dem jeweiligem Instrument Klänge produziert, weil er Geburtstag hat, vielleicht ging es auch darum, dass die Sänger des Liedes mit dem jeweiligen Instrument Klänge produzieren. Das würde erklären, warum sie in munterer Manier phantomimisch die unsichtbare Triangel schlugen und danach pusteten und schrammelten.
[Translation] As I sit in the train back to Roskilde, there was a man in sport clothes (in Germany formally called "potenzieller Hartz-IV-Empfänger", a unfair term which actually does not fit for danmark, because there is no monster word as "Hartz IV", it is a very german invention). The man bought coffee. Before he bought it, the coffee was in an automat which is in the compartment of the train. I was rather astonished: Germany is a developing country concerning coffee automats in trains.
Strangers should know, that beer is very expensive in Denmark (sometimes 35 Kronen which are a plenty of Euros). You should drink at home. Don't go to dance locals. And when you go: Don't spend any cumshaw and drink only one beer. If you are thirsty, go to the bathroom and drink water (the quality of danish tab water is quite okay).
Danish people like to play invisible instruments, when there is somebody's birtsday.
It is about 2am as my train arrives in Trekroner, one station far from Roskilde station and my place of residence.

Samstag, Januar 20, 2007

Erkenntnisse

Jeder Mensch hat eine Speiseröhre, eine Trinkröhre und eine Luftröhre. Das habe ich bis vor drei Wochen geglaubt. Woher diese Idee kam - keine Ahnung. Hätte ich mir vorher selbst einmal die Frage gestellt "Wie sollen all diese Röhren in einem Menschenhals passen?", ich hätte begriffen, dass sich kompletter Unsinn in meinem Hirn gefestigt hat. Doch Menschen können Jahrzehnte lang mit einer komplett falschen Meinung über sich selbst und die Beschaffenheit der Welt herumzulaufen. Das gehört zum menschlichen Wesen. Und wenn nicht irgendwann irgendeiner sagt, dass drei Röhren eine zu viel sind, dann wandert der Irrtum mit ins Jenseits.
Den Anlass für meinen Irrglauben suche ich in meiner Kindheit. Vielleicht hat mir meine Mutter mal gesagt: "Wenn du dich beim Essen verschluckst, dann ist ein Stück Kartoffel (oder Erbsen, Brot, etc.) nicht in die Speiseröhre, sondern in die falsche Röhre gekommen." Und dann habe ich mir die Trinkröhre ausgedacht, von deren Fehlen ich erst erfahren habe, als ich meinen Mitbewohnern vor drei Wochen erzählen wollte, was in meinem Körper passierte, als ich mich kurz zuvor verschluckt hatte.
Seitdem ich in Dänemark bin, ist mir meine Nahrung immer sehr störungsfrei in den Magen gelangt. Der Irrtum, dem ich hier aufgesessen bin, betrifft meine Meinung, ein Studium im Ausland sei dazu da, Kontakt aufzunehmen zum einheimischen Volk. Die einzigen Dänen, die ich bis jetzt in Roskilde kennengelernt habe, sind meine Lehrer (na gut: und das Mädchen von der Uni-Zeitung und der Mentor eines spanischen Kommilitonen). Meine Nachbarn im Wohnheim sind Spanier, Kanadier und Franzosen - was prima ist -, und sie kochen und reden mit mir. Die Dänen, die hier wohnen, kenne ich nur aus Erzählung. Sie verkriechen sich in ihre Zimmer und kommen nur in den frühen Morgenstunden heraus, um ihre Wäsche in die Maschine zu geben und Post aus dem Kasten zu holen. Danach gehen sie weiter ihren Studien nach.
Der Monat Februar wird erweisen, ob Dänen derart fremdeln. Dann beginnen die Vorlesungen am Roskilde Universitetscenter. Nur zu gerne würde ich mein neu gelerntes Dänisch außerhalb des Sprachkurses unter ungeschützten Bedingungen ausprobieren. Wäre schon schön, wenn sich meine jetzt gefundene Erkenntnis, mein Dänemarkbesuch sei keineswegs dazu gedacht, mir Zugang zu dänischen Menschenherzen verschaffen, als Fehlschluss herausstellt.

Samstag, November 11, 2006

Oma hätte es besser gewusst ...

Beim Boje-über-Bord-Manöver im Mittellandkanal war ich heute etwas zu schnell. Gewöhnlich soll das Boot neben der Boje beinahe zum Stehen können. Mein Boot schoss aber an der Boje entlang. An Bord holen konnte man sie trotzdem prima. Wäre die Boje ein Mensch, den sie im Manöver ja auch tatsächlich simuliert, dann hätte dieser Mensch seit heute entsetzlich lange Arme. Wieauchimmer. Ich fühle mich nicht bemüßigt, aufgrund solcher Konstruktionsmängel die Abschaffung der Gattung Mensch zugunsten einer als Lebensform noch zu etablierenden Gattung Boje zu fordern. Vielmehr möchte ich in Gedanken eine Reise fortsetzen, die am Wochenende begann.

[Fortsetzung] Die tagelange Reise führte uns in den deutschen Süden. Menschenscharen standen zu beiden Straßenseiten und grüßten uns mit Blumen, Konfetti und Transparenten. „Johnny – Wenn einer die Konfitüre verdient hat, dann Du“, „Jimmy – Ich hab' ein Kind von Dir“. Es waren bewegende Momente, und doch war es der am miesesten organisierte Empfang, der Jimmy und mir je zuteil worden war. Es war keine Liebe in dem, was die Leute taten ... überall nur ernste, steinerne Gesichter. Auf den ersten Blick schienen die Leute uns willkommen zu heißen. Ein Blick in ihre Herzen aber zeigte: Sie waren nicht ganz bei der Sache. Offenbar hatte man sie für ihren verlogenden Auftritt bezahlt.

Jimmy und ich machten, dass wir davonkamen. Jimmys Finger war geschwollen und unbeweglich. Er wollte einen Arzt. Ich aber trieb zur Eile. „Es ist für Ma“, sagte ich. Und Jimmy verstand.