Ausgerissen
Im Vorwort zur deutschen Ausgabe von Pierre Bourdieus "Die feinen Unterschiede" *, ein Buch, das in den Blick nimmt kulturelle Gewohnheiten und Verhaltensweisen und jene in Verbindung setzt zu ökonomischen und sozialen Entstehungsbedingungen wie auch sozialen Funktionen, nun, in dem Vorwort dieser Kritik, die das Wort vom "kulturellen Kapital" in den Mund zu nehmen sich nicht scheut, hat ein Spaßvogel auf Seite 15 einen Satz eingeschleust, in dem er augenscheinlich den oft gescholtenen Bau gefühlt unendlicher Wortketten — deren Glieder mal Aufmerksamkeit tötenden Barbaren gleichen, während ihre Nachbarn mondän daherkommen, aber unberührbar bleiben — bissig kommentiert, gleichwohl rücksichtslos eben jenes, das er tadelt, selbst tut:
"Der Stil nun, der Gefahr läuft, durch seine langen verwickelten Sätze selbst den gutmütigsten Leser zu verprellen, tatsächlich doch in seinem Aufbau die komplexe Struktur der sozialen Welt wiederzugeben sucht, und dies mittels einer Sprache, die Disparates zu einer — in sich zugleich durch seine rigorose Perspektive hierarchisierten — Einheit fügt, verdankt sich dem Willen, die traditionellen Normen des Ausdrucks aus Literatur, Philosophie und Wissenschaft so weit wie möglich auszuschöpfen, um auf diese Weise nicht nur Dinge zu Wort kommen zu lassen, die bislang daraus de facto oder de jure verbannt waren, sondern auch jedes Abgleiten der Lektüre in die Vereinfachungen des weltläufigen Essayismus und der politischen Polemik zu hintertreiben."
Der Faxenmacher, der hier auf Vortrefflichste einen Satz schreibt, in dem er den Inhalt zum Rendezvous mit der Form zwingt, ist Pierre Bourdieu.
* Erste Ausgabe 1982, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main

