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Dienstag, März 24, 2009

Regen machen mit Luftballons

Paul Walgon aus Kensebak hat am Dienstag seinen ersten funktionierenden Micro-Regenmacher der Ortsöffentlichkeit vorgestellt. Zehn Jahre arbeitete der Ingenieur an der Entwicklung, am Montag ist er damit fertig geworden.

"Die Erfindung ist vor allem für private Nutzer gedacht", sagt Walgon. Als Ausgangsstoff für seine Regenmaschinen verwendet er handelsübliche Luftballons. "Ich musste durchaus hin und wieder ein paar Cent zur Seite legen, um die beim hiesigen Sonderpostenhändler kaufen zu können", berichtet der 43-Jährige. In seinem Keller stapeln sich Kisten mit den kautschukhäutigen Spaßmachern.

Die Herstellung der Regenmacher ist gehörig materialintensiv. Hinzu kommt, dass Walgon jedes Gerät in Handarbeit fertigt. Dafür füllt er 20 Ballons mit Helium, einen mit Regenwasser. "Es hat lange gedauert, bis ich die Knoten hingekriegt habe", gesteht er. "Mittlerweile habe ich den Kniff raus." Mit einer aufwändigen Methode, die er sich hat patentieren lassen, verbindet er die Luftballons miteinander, unter Einsatz von Binsen, die er am Kensebaker Wontariasee erntet. "Im Grunde ist das ein Naturprodukt", sagt Walgon über seine Konstruktion. Das Wasser für den einen, mit dem Nass gefüllten Ballon, sammelt er in seiner Zisterne, die er vor zwei Jahren von seinem Nachbarn Bernd Matante übernommen hat.

Seine Erfindung will Walgon an seinem Straßenstand am Balgweg 12 verkaufen. Der Preis? "Das ist Verhandlungssache", sagt Walgon. "Allerdings kann ich die Regenmacher nicht ganz billig weggeben. Die Sentaken, die ich für das Gerät verarbeite, sind einfach zu teuer." Worum es sich bei diesen Sentaken handelt, will Walgon nicht verraten. "Nee, da würde ich ja Trittbrettfahrern Tür und Tor öffnen, da wäre ich ja schön dumm." Er gibt lediglich preis, dass er die Sentaken in das Regenwasser füllt.

Erste Tester sind von Walgons Erfindung begeistert. "Toll ist das", sagt Tim (10), eins der Nachbarskinder des Tüftlers. Ihn überzeugt besonders die Einfachheit des Gerätes. "Ja", erklärt Tim, "einfach steigen lassen, und dann knallt das ordentlich, und der Regen nieselt runter." Der feine Niederschlag fällt auf die je ausgewählte Fläche, die sich unter dem fliegenden Regenmacher befindet. "Prima ist auch, dass auf den Ballons so lustige Gesichter aufgedruckt sind", so Tim. Was er nicht mag, ist, dass die meisten der Ballons rosa sind. Nach seinen Angaben handelt es sich bei dieser Farbe um "Mädchenzeugs".

Bei Tims Testlauf ist der an dem Heliumballons angebrachte wassergefüllte Ballon in etwa zehn Meter Höhe geplatzt. "Die Sentaken sind so trainiert, dass sie erst in dieser Höhe die Membran der Kautschukhülle perforieren", beschreibt Walgon das Prinzip seiner Konstruktion. "Besonders eignet sich das Gerät für Hobbygärtner, die während Dürrezeiten ihre Pflanzen versorgen müssen." Einen Absatzmarkt erhofft sich der Kensebaker daher hauptsächlich in Schrebergartensiedlungen. Er appelliert daher an die Ortsbürgermeister Waltraud Begund diese bislang in Kensebak verbotenen Gartenanlagen zu legalisieren. Die KSP-Ortsgruppe, die im vergangenen Herbst erneut den Einzug in den Ortsrat verpasst hat, unterstützt Walgons Begehren.

Weiterführender Link: Die Regenmacher - Chinas Meteorologen und die saubere Olympialuft

Sonntag, November 09, 2008

Brussels in a Heartbeat (1) – Karte kaufen

Regina hatte mich schon vorinformiert: In Brüssel wie in jeder Großstadt gibt es Monatskarten für den Verkehrsverbund, und für den hiesigen ist ein Passfoto nötig. Das brachte ich bei meiner Anreise vor einer Woche mit, und am Montag nach dem ersten Arbeitstag wollte ich zur „BUTIK“ hetzen, um dort Antrag auf die Karte zu stellen.

Am längsten geöffnet hat die Butik an der Station Broukère, fand mein Arbeitskollege für mich heraus. Bis sechs. 20 Minuten davor trat ich in die Metro an der Station Schumann unter dem Hauptgebäude der Europäischen Kommission ein. Um sechs, nach einer kurzer Plauderei mit einem Postmitarbeiter, der den Weg zur Butik sagen konnte, stand ich vier Meter entfernt vor den Schaltern vor einer Glasscheibe, auf der stand, am 3. November sei „fermé“. Stimmt: Am Samstag war ja Allerheiligen, und weil dieser Feiertag aufs Wochenende fiel, musste werktags Ausgleich für den Verlust eines potenziell arbeitsfreien Arbeitstags geschaffen werden.

Am Dienstag nahm ich wieder am Abend die Untergrundbahn. Falsche Richtung. Bei „Montgomery“ aussteigen, Seite wechseln, auf die Bahn warten. Richtige Richtung, ständig auf die Uhr gucken. Zu spät an der Butik ankommen. Wieder vor der Glasscheibe stehen, sehen, wie der Sicherheitsbeamte die Hände wie beim Däumchendrehen umeinander kreisen lässt. „Morgen wiederkommen“, sagte der französischsprechende Belgier, als ich nachfragte. Ich sah Frauen an den Schaltern, die ihrem Feierabend entgegenlächeln. Ich überraschte mich damit, dass ich kraftvoll grumpfte.

Am nächsten Morgen fand ich mich gegen Viertel nach acht an der Butik am Gare du Midi (die niederländisch sprechenden sagen: Zuidstation) wieder mit der Nummer 57 in der Hand. Die ist für Cash-Zahler. Wer mit Karte zahlt, bekam eine Dreihunderter-Nummer. Eine Stunde später hielt ich noch immer den nun etwas zerquetschteren Berechtigungszettel in der Hand und hatte für zwei Euro ein Portraitfoto von mir erstanden. Mit 9 mal 13 Zentimetern zu groß, um es als Passfoto für das Monatsticket ausgeben zu können. Ich wollte ein Alternativbild zu dem, das ich aus Bielefeld mitgebracht hatte. Der Automat hatte mir nicht gesagt, das ein Portrait größer ist als der teuere Satz Passfotos, den er auch feilbot.

Drei Schalter waren in der Butik in Betrieb. Aber nicht immer. Mal verschwanden die Mitarbeiter in den Kammern dahinter, und mal telefonierten sie parallel, während die bedienten. Ich bemerkte, dass unabhängig vom Schalter im Wechsel nacheinander die Barzahler und dann die Kartenzahler drangenommen wurden. Als Brüsseler könnte ich also einfach beide Berechtigungszettel ziehen. Unfair.

Mein Mitarbeiter konnte auch Englisch. Drei Minuten, nachdem ich ihm mein Zettelchen gereicht hatte, hielt ich mein Monatsticket in der Hand. Das ging ja schnell.

Donnerstag, März 13, 2008

Plötzlich da und dann wieder weg


Er war nach 45 in amerikanischer Kriegsgefangenschaft und das einzige Buch, das er ins Camp retten konnte, war der "Urfaust". Den hielt er immer bei sich. Mit Mitgefangenen führte er die Geschichte auf.

Viel mehr konnte er mir nicht erzählen. Er war an der Haltestelle Rathaus an mich herangetreten, weil ich seine alte Reclamausgabe in Händen hielt. Zumindest eine, die so aussah, meine ist von 48. Ich will seit langem schon mal den Faust oder eben seinen Vorläufer lesen und hatte das Heft 20 Minuten vorher aus meinem Regal gefingert.

Ergreifende Augenblicke nehmen sich nie viel Zeit. Ich war ungeduldig, weil ich für kurz darauf einen Termin hatte. Fast dicht an dicht liefen wir zur gerade haltenden Stadtbahn. Ich hoffte, er steigt mit ein. Wie er Banderolen von Gemüse- oder Obstkisten im Lager gesammelt habe, erzählte er noch. Darauf schrieb er Gedichte, die andere im Lager behalten hatten.

Nach seiner Rückkehr arbeitete er als Lehrer. Heute kann kaum noch jemand Gedichte auswendig, sagte er. Die Tür begann, sich zu schließen. "Ich wünsche Ihnen alles Gute", sagte er. "Das wünsche ich Ihnen auch." Abfahrt. Ich lese weiter. "Wie alles sich zum Ganzen webt/ Eins in dem andern würkt und lebt".

Sonntag, März 02, 2008

Plastik für Distanz

Kindheit in den 80ern in Deutschland birgt Geheimnisse, die sich erst nach und nach offenbaren. Etliche Geheimnisse waren erst gar keine. Zum Beispiel habe ich mich als Sechsjähriger nicht gefragt, was das sollte, als dem Vater von Bibi Blocksberg während einer Versammlung zugerufen wurde: “Sie sind ja ein Roter!” Ich hab einfach ausgeblendet, dass damit mehr gemeint sein könnte als die Gesichtsröte von Vater Bernhard.

Das rote Ausklappteil an meinem gebrauchten 24er Fahrrad konnte ich auch nie deuten. Ich habe zwar zwischenzeitlich begriffen, dass die kleine rote Plastikklappfahne am Ami-Briefkasten meiner Nachbarn in Jheringsfehn den Zweck hat, anzuzeigen, dass Post angekommen ist. Das Ausklappteil an meinem Rad ging nicht nach oben, sondern zur Seite raus und war ungleich länger als die Fahne, vielleicht so 30 Zentimeter. Der Zauber lag für mich darin, dass die Schwenkvorrichtung ein zusätzliches Accessoire war, das mein Bruder nicht hatte und das mir beim Fahrradkorso vom VfL Jheringsfehn außerdem den Neid aller Kinder verschaffen konnte. Mein Fahrrad besaß zusätzlich einen Tacho, den ich für eine Dauer von einer halben Minute auf 30 km/h bringen konnte. So einen hatte mein Bruder auch nicht.

Wenn ich jetzt morgens in Bielefeld mit dem Rad die Alfred-Bozi-Straße überquere und dann in den Tunnel in der Von-der-Recke-Straße fahre, schaffe ich vielleicht 20 km/h, weil es hügelauf geht, und den Autofahrern hinter mir bleibt nur die Wahl, hinter mir herzuzuckeln oder knapp an mir vorbeizuziehen. Die 1,50 Meter Abstand, die ich in der Fahrschule beigebracht bekommen habe, halten die Überholer oft nicht ein. Ich hab dann zwar keine Angst, aber weil ich fast zwanghaft darauf bedacht bin, mein Recht durchzusetzen, hätte ich gerne einen Apparat, der die Autofahrer an ihre Pflicht zum Abstand erinnert. In dem Moment, als ich zum ersten Mal daran dachte, dass ein derartiger Apparat doch eine segensreiche Erfindung wäre, fiel mir mein grünes Kinderfahrrad wieder ein. Abstandskelle heißt das schicke Accessoire, das den motorisierten Verkehrsteilnehmer hinter einem Kinderrad auf die Schutzgedürftigkeit des minderjährigen Radlers hinweist. Das Rot warnt auch davor, dass das Kind ziemlich unerfahren steuert und deswegen für nachfolgende Fahrzeuge eine Gefährdung darstellt.

Einige Väter meinen den Gefährdungscharakter noch dadurch verstärken zu müssen, dass sie eine verlängerte Abstandskelle basteln, an deren Ende ein Metallstück (z.B. ein Nagel) montiert wird. Das ist nicht nur lackgefährlich, auch fürs Kind ist es eine Herausforderung. Da hat es gerade gelernt, ohne Stützräder auszukommen und soll dann mit einem 1,5-Meter-Stab am Rad durch den Stadtverkehr eiern. Ich selber werde mich weiter den Attacken der Autos stellen müssen. Denn für mich kommt nicht mal die harmlose Abstandskelle in Frage, mein Rennrad hat ja nicht mal einen Gepäckträger, an dem ich das Ding festmachen könnte. Außerdem sind auch schon die harmlosen schwabbeligen Abstandskellen mindestens genau so verboten wie rotierende Spinning-Wheel-Radkappen am VW Golf.

Dienstag, Dezember 18, 2007

Willem (5)

[Teil 1|2|3|4]

"Wo ist dieser Opa Willem", wiederholte ich.
Angelo zeigte in Richtung Ortsgrenze.
"Bring mich zu ihm."
Wir trafen Willem neben einer bruchreifen Bushaltestelle. Er saß in seinem Trecker, kam mir unheimlich bekannt vor und spielte “Biscaya” auf der Mundharmonika. Der Dieselmotor knatterte und produzierte den gleichen dreckigen Qualm, den ich schon beim Abschleppen meines BMWs ins Gesicht bekommen hatte.

"Opa, der Fremde will Dich sehen", sagte Angelo.
Willem nickte, nahm das Funkgerätmikro herunter und ließ die Mundharmonika in seine Hemdtasche gleiten.
"Hm?", fragte er mich.
"Was soll das mit dem Radio?", fragte ich.
Willem stopfte seine Pfeife und sah mich nur an.

"Ach so", sagte Angelo. "So geht das natürlich nicht. Opa redet nur noch übers Radio."
Er setzte mir die Kopfhörer auf und schaltete sein Radio an. Jetzt hörte ich den Motor in Stereo knattern. Willem stand wohl auch auf Wäscheschleuderimitationen.
"Also, was soll das?", fragte ich.
"Ja, lieber Hörer. Warum also mache ich Radio", hörte ich Willem sagen. "Ist es um die Menschen aufzuklären, um sie zu unterhalten?", fragte er. "Ist es für meine Nachbarn? Für meinen Enkel? Für mich selbst? - Sicher ist es von allem etwas. Aber ganz besonders ist es für Angelos Großmutter, für meine Alma", sagte er. Er spielte eine halbe Minute "Biscaya", dann redete er weiter.

"Almas Tod hatte mich damals sprachlos gemacht", sagte er. "Dann fand ich ihr Versteck auf dem Dachboden. Dort lagen zwei Geschenkpakete. Almas Name stand auf dem einen, meiner auf dem anderen. Sie hatte zwei alte Funkgeräte gekauft, damit wir miteinander reden können, auch wenn ich gerade auf dem Acker arbeite." Schweigen. "Ich hatte ja gehört, dass man mit UKW bis in den Weltraum kommt und sogar bis zu den Sternen, von denen meine liebe Alma jetzt einer ist."
Ich wollte ihn nicht länger monologisieren lassen. "Und was ist dann passiert?", rief ich.

"Und dann erfüllte ich uns unseren Traum und sprach mit meiner Alma, wenn ich auf dem Acker war. Denn irgendwo im Universum sitzt meine Alma und hört mir zu."
Mir wurde schlecht. Der Idiot. Von wegen funken bis in den Weltraum. Der arme Willem hatte UKW mit Kurzwelle verwechselt.

[Schluss]

Montag, Dezember 10, 2007

Willem (4)

[Teil 1|2|3]

Dort saß ein Rollstuhlfahrer vor einer Haustür. Er hatte die Augen geschlossen und döste. Auf seinem Schoß hatte er einen alten sowjetischen Radioempfänger, aus dem es knatterte. Ich tippte ihn an. Er räusperte sich.
“Schönes Knattern, nicht wahr?”, sagte er. “Erinnert mich immer an die Wäscheschleuder bei Frau Wendelmann in der Waschküche. Ist immer so schön, der Waschmaschine zuzugucken und dabei Malzkaffee zu schlürfen”, sagte er. “Wenn ich das Knattern höre, weiß ich, dass ich nicht alleine bin auf dieser Welt. Auch wenn mein Rollstuhl einen Platten hat.”
“Wo ist der Junge?”, sagte ich.
“Ja”, sagte er.
“Wo ist er?”
“Wer?”
“Der kleine Junge?”
“Meinen Sie Angelo?”
“Ich weiß nicht, wie er heißt.”
“Was wollen Sie von kleinen Jungs?”
“Er hat mich angegriffen?”
“Sie sind ein junger, starker Mann, und werden von einem kleinen Kind angegriffen. Das ist Kokolores!”, sagte der Alte.
Etwas traf mich am Ohr. Ein kleiner Stein fiel herunter. Ich dreht mich herum und sah Angelo im Gebüsch verschwinden. Diesmal war ich schneller. Ich riss ihm die Steinschleuder aus der Hand.
“Was soll das?”, fragte ich ihn, während ich den zappelnden Jungen am Arm festhielt.
“Loslassen”, sagte er. “Opa Willem hat das erzählt, dass er als kleiner Junge immer Stolperfallen gegen den Russeneinmarsch gebaut hat. Ich wollte das nur mal ausprobieren”, sagte er.
“Und das mit der Steinschleuder?”
“Auch gegen Russen”, sagte Angelo.
“Wo ist dieser Opa Willem”, fragte ich. Ich wollte wissen, was das für ein Kerl sein muss, der kleine Kinder zu Guerilla-Terroristen erzieht. Ich witterte schon eine Geschichte für meine Zeitung: “Terrorcamp im Osten. Radio-Gehirnwäscher macht Kinder zu Schläfern.”

[Fortsetzung kommt]

Sonntag, Dezember 09, 2007

Willem (3)

[Fortsetzung von hier und dort]

Frau Wendelmann saß 50 Meter weiter in ihrer Küche und schälte Kartoffeln. Radio Willem gab Bauernregeln zum Besten, als ich in ihre Wohnung eintrat: “Wenn im August viele Goldkäfer laufen, braucht der Wirt den Wein nicht zu taufen”, sagte er. “Im Juli will der Bauer lieber schwitzen als untätig hinterm Ofen sitzen.” Und der Klassiker: “Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter, kräht er auf dem Hühnerhaus, hält das Wetter die Woche aus.” Er erzählte etwas von einem Hochdruckgebiet über dem Ostatlantik und Cumulus-Wolken.

“Mein Lieblingsspruch ist der mit dem Hahn”, sagte Frau Wendelmann. “Radio Willem kennt gut 50 Sprüche. Ich versuche jeden Tag zu raten, welchen Spruch er diesmal bringt. Sein Wetterbericht ist auf jeden Fall besser als der aus der Zeitung. Aber die ist ja auch immer vom Vortag.” Ich bat um ein Zimmer. Sie führte mich zu einer Matratze, die unten im Keller lag. “Was Besseres werden Sie hier im Ort nicht finden”, versprach sie mir. Ich glaubte ihr. Die anderen Häuser sahen noch schäbiger aus als ihres. Ich fragte nach einer Telefonzelle. Den Termin im Labor konnte ich ja an den Tag nicht mehr schaffen. Ich musste da anrufen und bei meinem Chef. “Geradeaus und dann hinten links bei der alten Scheune”, sagte sie.

Draußen schien ich der einzige Mensch auf der Straße zu sein. “Wahrscheinlich sitzen die alle in ihren Häusern und hören Radio”, dachte ich. Und dann flog ich auf die Fresse. Jemand hatte Stolperdraht über den löchrige Fahrbahn gespannt. Hinter einem Steinhaufen am Straßenrand hörte ich ein Kichern. “Na warte”, sagte ich und sprang auf. Ich packte nach dem Jungen. Er war schneller und lief in einen Hinterhof.

[Fortsetzung kommt]

Donnerstag, Dezember 06, 2007

Willem (2)

[Fortsetzung von da]

Ein Trecker näherte sich mir lautstark in einer Qualmwolke. Ich stieg aus dem Auto und winkte. “Auto – Graben – reingeschleudert”, sagte ich dem Mann im Führerhäuschen. Er strich sich über den Bart. “Hm”, machte er und holte eine Kette unter seinem Sitz hervor. Fünf Minuten später hatte er mein Auto herausgezogen, und er stopfte schweigsam seine Pfeife. “Danke”, sagte ich. “Hm”, machte er. “Wo geht es denn hier in den nächsten Ort”, fragte ich. Er zeigte rechts die Straße hoch.

Ich setzte mich ins Auto, startete den Motor und hörte den scheppernden Auspuff, der nun über die Straße schliff. Meinen Termin konnte ich vergessen. Ich musste in eine Werkstatt. Im Radio sprach eine raue Männerstimme eine Art Liebeserklärung: “Liebe Alma. Vor mir liegen in all ihrer Herrlichkeit die vollen Rapsfelder. Sie leuchten wie die Sonne. Heute ist der Tag der Ernte. Der laue Wind legt sich über mein Gesicht. Ich wünschte, ich hätte Dich an meiner Seite. Dich, meinen Stern.”
Kitschig, total das Dorfradio. Wahrscheinlich haben die auch eine Grußsendung, in der Alteneimbewohner ihre Zimmernachbarn grüßen und Ehemänner am 50. Hochzeitstag ins Telefon rotzen, sie würden ihre Alte noch lieben wie am ersten Tag auf dem Schützenfest.

Als ich nach einer Viertelstunde im Kriechtempo meinen Auspuff durch den Ortseingang zog, sah ich rechts ein Hinweisschild für eine Meisterwerkstatt. Ich parkte den BMW und fand den Meister mit einem Kaffee in der Hand. Im Radio schloss der Sprecher gerade seine Erklärung ab: “Alma. Jetzt zieht ein Wäldchen an mir vorüber. Das satte Grün macht mir Appetit. Wie schön wäre es, einen frischen Salat mit Dir zu essen. Aber das geht ja nicht mehr.”

“Ich stehe auf die Landschaftsbeschreibungen von dem Kerl”, sagte der Mechaniker. “Ich bin ja den ganzen Tag in der Werkstatt. Da sieht man kaum Tageslicht.”
“Ich bin fremd hier”, sagte ich. “Was ist das für ein Radiosender?”.
“Och, das ist Radio Willem. Ein Mann, ein Radio sag ich immer. Ist auch der einzige Sender, den wir hier haben. Wir sind ja ziemlich von der Außenwelt abgeschnitten. Gibt ja kaum Radio hier, und meinen Telefonanschluss sollte ich schon letztes Jahr bekommen.”

Ich wechselte das Thema: “Mein Auto ist kaputt.” Ich zeigte auf den BMW. “Auspuff”, erklärte ich.
“Och, das dauert aber zwei, drei Tage. Ich muss meinen Neffen in die Stadt schicken, damit er die Teile besorgt. Kann ich erst morgen machen.”
Ich resignierte: “Gibt es hier irgendwo ein Zimmer zu mieten?”
“Gehen Sie zu Frau Wendelmann.”

[Fortsetzung kommt]

Mittwoch, Dezember 05, 2007

Willem (1)

Ich komme gerade von der Hertz-87,9-Lesenacht. Da saß ich unter anderem im Wechsel mit Rouven Ridder und Sven Stickling am Lesetisch. Hier der erste Teil meiner Geschichte.

Es ist fünf Jahre her. Ich arbeitete in der Redaktion einer bundesweit operierenden Tageszeitung. Mein Chefredakteur hatte gerade gesteckt bekommen, dass ein Labor in Bitterfeld heimlich ein Retortenbaby hergestellt hatte. Nicht nur die Befruchtung lief im Reagenzglas ab, sondern die ganze Schwangerschaft kam ohne Mutter aus. “Damit könnte der Osten eine ganze Armee von Klon-Kriegern produzieren”, sagte mein Chef. “Das ist der Knaller, du musst dahin und die Geschichte machen.” Er warf mir den Schlüssel vom alten Firmen-BMW zu. Mit dem Oldtimer war ich erst letzte Woche zu einem getarnten Weltraumbahnhof der Marsbewohner in Greifswald gefahren. Davor hatte er mich nach Cloppenburg auf eine Farm mit fliegenden Schweinen geschickt. “Das ist ein Durchbruch in der Ernährungsforschung – ganz leichtes Fleisch”, sagte er.

Ich rief bei dem Labor an und machte einen Termin ab. “Ich möchte mir gerne ihre äh... Samenbank näher anschauen”, log ich. Ich musste ja verdeckt arbeiten, und vielleicht konnte ich später in der Kühlabteilung Fotos mit Reagenzgläsern machen, deren Inhalt sich als angehender Klonkrieger der Zukunft verkaufen ließe.

Nach zwei Stunden Fahrt stand ich im Stau. 27 Kilometer sagten sie im Verkehrsfunk. Ich nahm die nächste Ausfahrt und eine Stunde später sauste ich mit dem BMW durch eine menschleere Gegend, war zum zigten Mal durch eine düstere Waldschneise gefahren und kam nun an weiten Maisfeldern vorbei. Keine Menschenseele. Ich schaute auf mein Handy – Funkloch. Die Straße wurde holprig. Ich hatte lang kein Straßenschild mehr gesehen, und ich überlegte, ob ich zurückfahren sollte. Vielleicht sollte ich nochmal in den Verkehrsfunk reinhören. Doch im Radio rauschte es nur noch. Ich drehte am Sendesuchrädchen, als plötzlich mein Handywecker ansprang, um mich an meinen Termin zu erinnern. Zwei Sekunden später hing der BMW im Graben und ich fluchte: Es war eine schlechte Idee, Maschinengewehr-Geräusche als Handyton zu benutzen. Erst neulich stand ich deswegen vor einer Gruppe heulender Flüchtlingskinder. Jetzt hatte ich mich selbst erschrocken.

Das Auto ließ sich nicht mehr aus dem Graben manövrieren. Aber zumindest ging das Radio wieder. Ein bekloppter Musikredakteur war offenbar auf die Idee gekommen, eine Mundharmonika-Version von dem James-Last-Hit “Biscaya” zu spielen. Und jetzt lief der Refrain in einer Endlosschleife. Das musste ein mieser Lokalsender sein. Ständig knackte es in den Lautsprechern und es klang so, als stünde für die Stromversorgung ein Dieselmotor im Studio.

Ich war am Ende der Welt. Aber ich war nicht allein.

[Fortsetzung kommt]

Freitag, Oktober 19, 2007

Omas Konfitüre ist die Beste

Fortsetzung von Episode 1|2|3

Jimmy und ich hatten den Eindruck, wir seien Jahre durch den deutschen Süden gezogen. Die Fahrt an die wenig bewachte Grenze zum Süden mochte schleunig gewesen sein, doch unser Esel - gewöhnt an den Staub und die Schwüle des norddeutschen Ödlands - brauchte schließlich Monate, um den Weg über Wiesbaden nach Würzburg, Herzogenaurach, Reutlingen, Freiburg, Bad Wurzbach, Ingolstadt und nach Bad Griesbach zu finden. Berge, Berge und Anhöhen, das nasse Gras, das ihn immer wieder ausrutschten ließ, machten dem Schlepptier vor unserem Karren zu schaffen.

Während der Kundgebungen bei unserer Passage der Grenze, die den Norden vom Süden trennte, hatte Jimmy dem Esel seinen Cowboyhut über die Ohren gestülpt und ihm sein Rambostirnband über die Augen gezogen. Er sollte nicht vom Lärm der demonstrierenden Massen irritiert werden, auch hätte ihn das farbenprächtige Gewusel nur irritiert. Seitdem trottete der Esel weniger energisch. Tatsächlich schlug es ihn immer wieder auf die Straße.

"Guckt mal Johnny", sagte Jimmy, "das Viech ist ganz verbeult."
Ich: "Stimmt."
Jimmy stieg aus und bearbeitete den Esel mit einem Notfallhammer, den eine Demonstrantin ihm bei der Kundgebung aus Ehrbezeugung an den Kopf geworfen hatte. Jimmy hütete ihn seitdem wie einen Schatz. Seine Vorbesitzerin hatte es meinem Bruder angetan. Mit ihren 1,90 Meter stak sie aus der Menge heraus. Sie hatte die schönsten rotblonden Haare, die er je gesehen hatte - sagte Jimmy ständig - und wenn er erzählte, kamen seine Zuhörer (der Esel und ich) nicht umhin, zu glauben, sie sei die beste Hammerwerferin der Welt - zumindest mir ging es so, für den Esel kann ich nicht sprechen, auch weil Jimmy ihn mit seinem unprofessionellen Gehämmere so weit hergerichtet hatte, dass es eher einer Hinrichtung glich. Der Esel war für unsere Zwecke nicht mehr zu gebrauchen.

"Was machen wir jetzt mit ihm?", fragte Jimmy.
"Ich weiß nicht. Du hast ihn kaputt gemacht. Überlegt Du Dir was. Hier können wir ihn jedenfalls nicht lassen", sagte ich.
"Warum nicht?", fragte Jimmy.
"Weil..., weil er fremd hier in der Gegend ist und sich hier nicht auskennt", sagte ich.
"Dann legen wir ihn auf den Karren und erweisen ihm einen letzten Dienst", sagte Jimmy.

Und das taten wir. Stunden darauf wuchteten wir noch auf der Bundesstraße 137 an dem Karren. Dann waren wir in Wels. Es knackte im Buschwerk neben uns.
Jimmy: "Hast du das gehört?"
Der Esel antwortete nicht.
"Ich hab dich gefragt", sagte Jimmy.
"Ah", sagte ich, "Ja. Das ist sicherlich nichts Bedrohliches für gesetzestreue Bürger."
Doch wir als Outlaws in der Fremde waren keine gesetzestreuen Bürger mehr, und außerdem hatten wir einen Esel verbeult, fiel mir eine Sekunde später ein, als der Trupp der österreichischen Grenzpolizei ein Fangnetz über uns warf.

[Fortsetzung geplant]

Sonntag, Oktober 07, 2007

Rätselspaß mit Egon Krenz

Tagesschau, 9. November 1989: "Eine Stunde hatte sich heute Egon Krenz von der ZK-Sitzung entfernt, um mit Ministerpräsident Johannes Rau zusammenzutreffen." Der Staatsratsvorsitzende der DDR und der nordrheinwestfälische Ministerpräsident laufen durchs Bild.
Aha! Sie wollen den Tag, der sich als denkwürdig abzuzeichnen beginnt, offenbar für eine Buchpräsentation nutzen: Krenz trägt einen dicken blauen Schmöker im Arm. Um den Spannungsgrad ins nicht mehr Messbare zu erhöhen, drückt er seinen Daumen auf das erste Drittel des einwortigen Buchtitels. "tzeichen" bleibt über, und alle Tagesschauzuschauer rätseln.

"Schriftzeichen", ruft die Mama aus.
"Nee, Mutter", sagt Vater. "Das ist zu lang. So einen dicken Daumen hat der Krenz nicht."
"Was'n mit Sportabtzeichen?", sagt Sohn Kalle, sechs Jahre. Er spielt mit seiner Zwei-Farb-Taschenlampe, die er zur Einschulung bekommen hat. Gerade strahlt sein Gesicht rot.
"Zu religiös", sagt Vater. "Obwohl, vielleicht nimmt die DDR ja die Montagsdemonstranten aus den Kirchen ein bisschen ernster und fährt einen Annäherungskurs. Nur, der Daumen ..."
"Du redest ja schon wie ein Politiker, Vater", sagt Mama. "Fehlt nur noch, dass du jetzt von Appeasement-Politik anfängst."
"Das wäre zu weit gegriffen", sagt Vater. "Ich halte das eher für einen Harmonisierungskurs."
"Das Buch, das Buch!", ruft Kalle.
Großmutter kommt in Bewegung. Kalle hatte ihr gerade noch wie zum Abschied über den Kopf gestreichelt, weil ihr Atem flau geworden war. Jetzt raschelte ihr Strickzeug zu Boden, und sie sagte mit knorriger Stimme: "Zeitzeichen."
"Oma, du weißt doch gar nicht, worum es geht. Du hast doch gerade noch geschlafen, Oma!", sagt Papa.
Großmutter rüttelt ihren Kopf. "Ich hatte einen Wahrtraum. In 18 Jahren wird ein Buch mit dem Titel Zeitzeichen erscheinen, das Spionageabwehr und Aufklärung zum Thema hat."
Mama meldet sich zu Wort. "Komm Mama", sagt sie zu ihrer Mutter, "leg dich man besser wieder schlafen. Was soll denn der Herr Krenz mit Spionen zu tun haben?!"
Großmutter grummelt.
"Satzzeichen", platzt es aus Kalle heraus.
"Da fehlt ein T vor dem Z", sagt Vater. "Und meinst du, der Staatsratsvorsitzende der DDR will uns was über Grammatik beibringen?"
"Vielleicht hat Kalle ja doch Recht, und Herr Krenz hat sich in der ZK-Konferenz gelangweilt", sagt Mama. "Er hat Kreuzworträtsel gelöst und dafür brauchte er das Buch, oder so."
Kalle schaltet von rot auf grün. Dann leuchtet seine Taschenlampe weiß, und der Strahl fährt seinem Papa über die Augen.
"Hör doch mal auf mit der verdamm...", sagt Papa. Er hält inne. "Natürlich. Ich weiß es. Das Buch heißt Lichtzeichen."
"Warum?", fragt Kalle.
"Ist doch klar. Die DDR will jetzt die bestimmt die Grenzabfertigung mit modernen Ampeln regeln. Und jetzt hat sich Egon Krenz bei dem Rau Tipps geholt, wie die Leute in Nordrhein-Westfalen die Grenzabfertigung mit den Holländern machen. Und dann haben sie ein Buch geschrieben."
"So ein dickes Buch und so schnell?", sagt Mama.
"Wahrscheinlich ist das eine riesige Bauanleitung. Die haben die irgendwo abgeschrieben. Einfach abkopiert. Naja, und dann hat das Zentralkommitee natürlich auch ein paar rechtliche Paragraphen da mit aufgenommen", sagt Vater.

Während sich in Berlin erste DDR-Bürger aufmachen zur Bornholmer Brücke, springt Kalle auf, lässt aus seiner Taschenlampe schnell pausenlos rot, grün und weiß flackern und jubelt: "Vati hat das Rätsel rausgekriegt." Der Sohn tanzt, die Mutter klatscht. Großmutter liegt breit im Sessel in der Stubenecke. "Alles Banausen", murmelt sie. "Zeit", sie schluckt, "Zeichen." Und Großmutter atmet allmählich aus.
"So, Söhnchen", ruft Vater von hinten. "Ab ins Bett. Und Taschenlampe her."

Bildquelle: Tagesschau vom 9.11.1989/ Youtube

Zur Sache:
An der Bornholmer Straße
Egon Krenz heute gut gelaunt
Ex-Politbüro-Mitglied Günter Schabowski redet über den 9. November und DDR-Bürger, die sich am Abend aufgeregt an die Türen klopfen, um zur Grenze zu fahren
Das Auswärtige Amt über den 9. November
DDR-Protestmärsche und Grenzöffnung bei der Tagesschau
Der 10. November 1989 aus Sicht von Götz Förster und Anett Wundrak
DDR-Innenminister Friedrich Dickel liest viel vor

Montag, Oktober 01, 2007

Zum Gebrauch von Hunden im Straßenverkehr

"Hier Walt... äh Herr Wartborg. Da haben Sie den Racker. Bei Ihnen findet er zum Glück endlich ein gutes Zuhause." Michael Mehlfuß reichte dem 80-Jährigen die Leine zu dem putzigen West Highland White Terrier. Seit einem halben Jahr kam Walther Wartborg jede Woche ins Tierheim, um einen Hund auszuwählen. Meist nahm er die weniger schnuckeligen, die an einigen Stellen schon beschädigt waren - oder alt. "Schön muss er nicht sein, aber handlich", pflegte der alte Mann immer zu grunzen, wenn Michael fragte, warum er denn den Windhund oder den Bernhardiner nicht wollte. Das Fell des Schoßhündchens, das Walther sich diesmal geben ließ, hatte sich über die Jahre von samt nach struppig abgenutzt. Außerdem fehlte dem Hund ein Bein.

Inzwischen musste Walther fast schon ein eigenes Tierheim in seiner Wohnung haben. "Walther", dachte Michael. Am liebsten wollte er den Rentner duzen. "Wer Tiere mag, mag auch Menschen", hatte er sich beim letzten Versuch gedacht, ihm das Du unterzuschieben. Aber Walther Wartborg blieb reserviert. Schweigend unterschrieb er die Abholpapiere und schleppte sich, den Hund hinter sich herziehend, durch die Tierheimtür.

"So sehen Helden des Alltags aus", dachte sich Michael. "Die machen nicht viel Aufhebens und helfen." Irgendwann rief er bei der Lokalzeitung an, um Walther zu empfehlen. Am Montag darauf knallte Walthers schwere Faust auf den Tisch, an dem Michael gerade mit den ehrenamtlichen Helfern des Tierheims Kaffee trank. "Nicht machen!", sagte Walther, und Michael wusste genau, was er meinte.

Noch ein halber Kilometer, dann war er bei seiner Wohnung. Bei jedem Schritt krachten seine Füße auf das Pflaster, so als wollte er durch den Bürgersteig ins darunterliegende Erdreich treten. Der Terrier war umgefallen und schaute schuldbewusst zu Walther nach oben. Er zog den Terrier auf seinen Arm und sicherte ihn mit dem Ellbogen. Seine Frau Erna war auch immer langsamer gewesen als er. Obwohl er es war, der die Athritis im Knie hatte. Sie lief immer so zwei Meter hinter ihm, die Augen nur auf ihn geheftet, um ihn nicht zu verlieren. Bis auf einmal kam sie immer heile rüber.

Vor einem halben Jahr hatte Walther seine Erna zum Essen in die Uni-Mensa eingeladen. Es war ihr Hochzeitstag, als Walther noch so eben die Grünphase an der Fußgängerampel vor der Uni ausnutzte. Erna hatte wieder nur Augen für ihren Walther, der ihr davonlief. Die Augen des jungen Mannes im Fiat klebten an dem Chihuahua, der vom Nebensitz vor die Bremse im Fußraum gehüpft war. Nicht angeschnallt, der Hund. War auch viel zu klein dafür, dachte Walther.

Er kam mit seinem West Highland White Terrier an der Ampel an. Es war grün für Fußgänger. Walter ging nicht. Er wartete. Nach einer Stunde war der Student da. Er hatte noch Verband um den Kopf. Walther brachte den Hund mit einem Stich in dessen Bauchgegend zum Knurren. Der Student guckte hinüber. Bleiches Gesicht. Er machte gar nicht erst Anstalten, wegzulaufen. Walther holte aus. Der Hund flog von der roten Fußgängerampel zu der gegenüber. Die Wucht hatte den Studenten auf das Pflaster geschlagen. Der Terrier lag reglos auf seinem Gesicht. Walther drückte ihn mit seinem Fuß beiseite. "Ich weiß", brachte der Student durch seine blutenden Lippen hervor und drehte müde seinen Kopf weg.

Nachdem Erna auf der Kühlerhaube aufgekommen war, hatte sie sich einmal in der Luft gedreht. Fast wie eine Ballerina, nur senkrecht. Als der Student mit dem Chihuahua auf dem Arm aus seiner Autotür kam und herausstieß: "Mein Gott, zum Glück ist Ihnen nichts passiert", hob Walther seinen Arm und zeigte auf seine Frau hinter dem Fiat. Mit auf dem Rücken verschränkten Arm lag sie da auf der Kreuzung. Ihr anderer Arm zeigte nach vorne zeigte, als wollte sie nach etwas greifen. Walther riss den Hund aus den Händen des Studenten und holte zum ersten Wurf aus.

Mittwoch, September 12, 2007

Hauskau

Seit kurzem hat Malik Heilmann eine neue Gewohnheit. Er schrumpft sich Gebäude und legt sie dann als Beilage zwischen seine Mahlzeiten. Seine Freundin Ilona findet das nicht gut.
"Was sollen denn die Leute sagen?", fragt sie.
"Welche Leute?", sagt Malik.
"Na, die in den Häusern", sagt Ilona.
"Denen macht das nichts - die winken doch immer ganz stürmisch, wenn sie mich sehen", sagt Malik und schiebt sich gemächlich einen Hauptbahnhof-Burger in den Mund.

Samstag, November 11, 2006

Oma hätte es besser gewusst ...

Beim Boje-über-Bord-Manöver im Mittellandkanal war ich heute etwas zu schnell. Gewöhnlich soll das Boot neben der Boje beinahe zum Stehen können. Mein Boot schoss aber an der Boje entlang. An Bord holen konnte man sie trotzdem prima. Wäre die Boje ein Mensch, den sie im Manöver ja auch tatsächlich simuliert, dann hätte dieser Mensch seit heute entsetzlich lange Arme. Wieauchimmer. Ich fühle mich nicht bemüßigt, aufgrund solcher Konstruktionsmängel die Abschaffung der Gattung Mensch zugunsten einer als Lebensform noch zu etablierenden Gattung Boje zu fordern. Vielmehr möchte ich in Gedanken eine Reise fortsetzen, die am Wochenende begann.

[Fortsetzung] Die tagelange Reise führte uns in den deutschen Süden. Menschenscharen standen zu beiden Straßenseiten und grüßten uns mit Blumen, Konfetti und Transparenten. „Johnny – Wenn einer die Konfitüre verdient hat, dann Du“, „Jimmy – Ich hab' ein Kind von Dir“. Es waren bewegende Momente, und doch war es der am miesesten organisierte Empfang, der Jimmy und mir je zuteil worden war. Es war keine Liebe in dem, was die Leute taten ... überall nur ernste, steinerne Gesichter. Auf den ersten Blick schienen die Leute uns willkommen zu heißen. Ein Blick in ihre Herzen aber zeigte: Sie waren nicht ganz bei der Sache. Offenbar hatte man sie für ihren verlogenden Auftritt bezahlt.

Jimmy und ich machten, dass wir davonkamen. Jimmys Finger war geschwollen und unbeweglich. Er wollte einen Arzt. Ich aber trieb zur Eile. „Es ist für Ma“, sagte ich. Und Jimmy verstand.

Dienstag, November 07, 2006

Wenn Oma das wüsste ...

[Fortsetzung] Der Jumbojet ist etwas größer als Vaters Traktor und verbraucht mehr Sprit. Trotzdem: Das schlechtere Ökobilanz durch das Kerosin ist Vater egal - er wechselt je nach Lust und Laune zwischen Traktor und Jet hin und her.

Für meinen Bruder, mich und die Einkäufe brachte das einen entscheidenden Nachteil: Der Kofferraum vom Jet ist viel zu klein (etwa so groß wie der von einem Smart). Nur mit Not und Mühe drückten und prügelten wir unsere Supermarkt-Kollektion hinein. Mein kleiner Bruder musste den Getränkeautomaten auf den Schoß nehmen, die Sellerie steckte ich in meine Jackentaschen, die Kugelschreiber schoben wir hinter Vaters Ohr.

Unsere Ankunft daheim war sehr festlich. Mutter setzte das Luftgewehr ab, kurz nachdem wir gelandet waren, und bewarf uns mit bunter Farfalle. Die war noch vom Vortagsmittagsmahl über; unsere Schweine essen die nicht.

Es war ein großes Hallo. Doch während Mutter die Einkäufe ins Haus wuchtete, hielt sie inne. Etwas stimmte nicht. Mutter ist sehr sensibel, wenn etwas nicht stimmt. Sie fühlt sich in ihrem Tagesablauf gestört.
Mutter: "Johnny und Jimmy. Hier stimmt was nicht. Das rieche ich doch zehn Meilen gegen den Wind." (An dem Tag kam der Wind aus Nordost.)
Ich: "Oha. Ich darf annehmen, dass das, was dich beunruhigt, Folgen für unseren heutigen Tagesverlauf haben wird." (Jimmy und ich drehten uns nach Nordosten. Die Luft roch etwas mehlig. Jimmys Augen quollen hervor, er musste stark husten - es war also alles wie immer.)
Mutter: "Ihr habt die Konfitüre vergessen, die mit Sauerkirsch."

Es ist ein großes Versäumnis der Menschheit, dass sie es nicht vermag, eine Balance zwischen der Nachfrage und den tatsächlich im Supermarkt stehenden Sauerkirschkonfitüren herzustellen.

"Ma - wir werden uns darum kümmern. Mache Dir keine Sorgen". Das sagte ich. Und innerlich kochte ich. Die Hitze hatte keinen Deut nachgelassen. Die Sandkrümel in meinen Lederschuhen kitzelten meine Zehen. Ich holte den Eselskarren, ließ mich mit meinen Bruder darauf nieder. Los ging die Reise. Das Schicksal sollte uns zu einem modernen Supermarkt bringen, der von Sauerkirschkonfitüre nur so klebte. Das zumindest hofften wir. Der Finger meines Bruder geriet in eine Radspeiche des Karren und wurde eingequetscht. Ich riss seine Hand von der Achse weg. Wir konnten uns keine Verzögerung erlauben. Mutter wartete. [Fortsetzung folgt]

Was Oma noch wusste ...

Brot hält sich in meiner Manteltasche besser als auf dem Küchentisch meiner WG. Das hat ein versehentlicher Test mit einem Zwiebelbaguette ergeben. Die Studie erstreckte sich über zwei Tage. Der beinahe noch fluffige Brocken Zwiebelbrot, den ich heute in meiner Manteltasche am Flussufer in Minden hervorkramte, ließ Abbeißen ohne Zahnschmerz zu. Der Brocken, den ich, zurück in der WG, zu mir nahm, ließ Zahnschmerz nicht nur zu, sondern forderte ihn durch seine steinharte Konsistenz regelrecht heraus.

Doch darum geht es gar nicht. Am Wochenende habe ich einen Fehler gemacht und bin am Samstagvormittag Einkaufen gegangen.
Meine Mutter sagte zuvor: "Johnny, Deine Familie hungert. Es dürstet uns nach neuer Nahrung. Ich bin nicht willens, die Ware zu beschaffen. Gehst Du?" Ich: "Ma. Es wurde Zeit, dass Du diese Frage stellst. Nein. Ich gehe auf keinen Fall."
Mutter schaute nicht unböse. Ich griff meinen Bruder Jimmy und ging. Das Auto brachte uns in die nächste Stadt. Wir betraten einen handelsüblichen Supermarkt. Die Einkaufliste war sehr lang.
"Hui", sprach mein Bruder. "Die ist sehr lang. Es bahnt sich ein allzu aufwändiger, zeitintensiver Einkauf an."
Ich stimmte ihm zu. Ein Geistesblitz fuhr in mein Hirn. "Wir könnten uns verstecken und erst wieder rauskommen, wenn Mutter den Auftrag, den sie uns gab, vergessen hat."
"Nein. Ma wird es merken, und sie wird uns finden und dann ... kurzer Prozess." Mein Bruder fuhr sich mit der Hand durch das Haar.
Ich: "Okay. Kaufen wir halt den ganzen Laden."
An der Kasse ließen wir den Geschäftsführer kommen. Er hatte langes braunes und gewelltes Haar, war etwa so hoch wie ein gesunder Tomatenstrauch und kam gleich zur Sache: "Worum geht's?"
Mein Bruder: "Wir wollen alle Verkaufsregale dieses Etablissements samt aller darauf abgelegten Produkte kaufen."
"Gerne. Das ist eine kluge Investition." Er blickte starr geradeaus an uns vorbei. "Rechne, rechne - das kostet eine Million Euro. Wie möchten Sie zahlen?"
Ich: "Mit Stillschweigen." Ich nickte meinem Bruder zu. Er fingerte ein verräterisches Foto hervor, das den Geschäftsführer eindeutig mit Menschenaffen zeigte. Das Foto war nicht schmeichelhaft (es zeigte ihn im Profil) und ließ Rückschlüsse auf den Charakter des Geschäftsführers zu.
Das Gesicht des Geschäftsführers lief purpurrot an. "Nehmen Sie's mit", sagte er und machte eine ausholende Handbewegung, die den gesamten Markt umfasste.

Wir wollten unsere Einkäufe gerade im Kofferraum verstauen; doch just in dem Moment, als wir aus dem Geschäft traten, war der Parkplatz verschwunden und die Wüste lag zu unseren Füßen. Vorhin war sie noch viele Kilometer entfernt in südlichen Urlaubsregionen gewesen. Der Sand war sehr fein und die Sonne brannte heiß.
"Wir müssen Vater alarmieren. Er soll uns helfen", sagte ich.
Mein Bruder nickte. Ich drückte die Daddy-Call-Taste auf meiner Universaluhr und sprach Dad gut zu.
"Wird Vater mit dem Traktor kommen?", fragte mein Bruder.
Ich wusste es nicht. Doch ich rechnete fest damit. Die Einkäufe waren sehr unhandlich.
Zwei Minuten darauf vernahmen wir ein Röhren aus der Luft. Vater landete seinen Airbus-Jumbojet. [Fortsetzung folgt]