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Samstag, April 28, 2007

Der 24-Stunden-Report (9): 10 Uhr

Ein eigener Tante-Emma-Laden für Kinder war immer das Größte für mich. Leere Miniaturverpackungen mit den Emblemen von Bonduelle, Käpt'n Iglo und Kellogg's drauf verkaufen und damit das große Geld machen. Gut, das Geld war nicht echt, aber das, was ich im Modellversuch mit meinem Bruder durchgespielt habe, brachte in mir die marktwirtschaftliche Gesinnung zum Brodeln. Das Leben wurde für mich zum Geschäft.

In jungen Jahren kaufte ich mir zusätzliche mütterliche Wohlgesonnenheit, indem ich die Spülmaschine ausräumte und Geschwister wickelte. Geld musste ich mir anders verdienen. Mit meinem Bruder und unserem Nachbarsjungen verkauften wir Blumen. 50 Pfennig pro Strauß aus dem Garten meiner Mutter nahmen wir von unseren Nachbarfrauen ein. Wir waren gut im Business, doch bald wollte meine Mutter keine Chrysanthemen mehr zu Verfügung stellen, und wir griffen auf Kleeblüten und Binsen zurück, bei gleichem Verkaufspreis. Wir erweiterten unsere Produktpalette um Steine, die wir an Tante Gertrud veräußerten. Mit 7 Mark 50 Totalgewinn zogen wir uns aus der Branche für Garten und Wohnen zurück.

In der zweiten Grundschulklasse hab ich Posiealbumbilder in einem Din-A-5-Heft mit mir herumgetragen. Die Heftseiten waren von der Mitte nach innen gefaltet, so dass sie die Bilder verbergen konnten. Meine Klassenkameraden tippten auf eine Seite in meiner Sammlung und kriegten das versteckte Bild. Ich wählte eine Seite in ihrem Heft und bekam ihr Bild. Natürlich schickte ich nur die miserabelsten und hässlichsten Bilder ins Rennen. Die gleiche Geschäftsidee griff ich vier Jahre später in der Orientierungsstufe auf: Eine schlechte Sammlung von Billig-Stickern durch geschicktes Tauschen veredeln. Bis heute verwahre ich meinen Schatz mit Disney- und "Glow in the Dark"-Stickern, um ihn in Zukunft einem wohlhabenden Nostalgiker zu verkaufen.

Mein Leben als Geschäftsmann hatte im Alter von fünf begonnen. Ich schnitt Fotos aus der Ostfriesen-Zeitung aus und steckte sie in die Briefkästen meiner Nachbarn. Ich wollte Postbote sein. Meine vorläufige Erfüllung fand ich allerdings als Abiturient beim Sammeln und Packen von Lebensmitteln im Bünting-Großlager in Leer. Ein Unterschied verglichen mit meiner Tätigkeit in meinem Tante-Emma war, dass Burlander, Obstgarten und Gutfried auf den Packungen stand und dass nicht an meinen Bruder, sondern an Märkte in Ostfriesland und außerhalb geliefert wurden.

Jede Tour durchs Lager begann mit einer Liste von selbstklebenden Etiketten, die ich auf die Kartons drücken musste, um jene in Rollcontainer zu stapeln. Statt mit Taschenrechner addierte ich das Gewicht der einzelnen Käselaibe im Kopf. Ich wollte den Zahlen nahe sein, was meinen Stundenlohn verringerte, der davon abhing, wie schleunig ich arbeitete.

Ich hatte damit meine Unternehmerschaft in Tradition als selbstständiger Postbote und Steinverkäufer aufgegeben, um abhängiger Lohnarbeiter zu werden. Für mich war der neue Lebenswandel okay. Denn ich wollte immer nur eins sein: Ein Professioneller. Ein richtiger Postbote, ein richtiger Steinverkäufer oder eben ein richtiger Kommissionierer (Lagerarbeiter).

Ich beklebe keine Joghurtkartons mehr, und heute blicke ich immer eifersüchtig auf die Kassiererinnen im Supermarkt, weil sie die Artikel über den Lesescanner ziehen dürfen und nicht ich. Mein Trost ist der Kundenscanner bei Marktkauf und Real, und im Letzteren habe ich unlängst die Selbstbedienungskasse gebraucht. Meine Ungeduld erwacht jedesmal, wenn ich in der Bielefelder Uni-Bibliothek bin. Ich versuche am Arbeitsprozess der Angestellten teilzuhaben, indem ich ihnen die erste Seite jedes Buches entblöße, so dass sie ihr Laserlesegeät ungehindert an den Barcode führen können. Manchmal drehen sie den Monitor in meine Richtung, um mir zu zeigen, welche Bücher ich noch zu Hause habe. Dann fühle ich mich fast wie einer von ihnen.

Das Königreich Dänemark, meine Zwischenheimat, hat viel zu viel Arbeit für seine wenigen 5,4 Millionen Untertanen. Deswegen ist das Land Vorreiter in Automatisierung: Tankstellen mit Kartenzahlung an der Zapfsäule, Anrufbeantworter und Spülmaschinen.

Trotzdem hat die Bibliothek des Roskilde Universitetscenters Angestellte. Die habe ich allerdings nie ein Buch auf ein Benutzerkonto buchen sehen. Sie verkaufen Kopierkarten, Tragetaschen und sortieren reservierte und zurückgegebene Bücher ein. Ich, ich bin es, der am Terminal seinen Studentenausweis in ein Lesegerät schiebt, um danach seine Bücher über den Barcodescanner zu schieben. Die Rückgabe funktioniert über einen Automaten, der den Strichcode auf dem Cover erkennt und das Buch frisst. Ich kann das den ganzen Tag tun — Buch scannen, in den Rückgaberoboter schieben, anderes Buch scannen, zurück damit, zur Abwechslung CD leihen, und wieder ab damit in den Schacht. Vollkommen eigenverantwortlich arbeite ich, wie damals als Postbote. Demnächst werde ich expandieren und meine Dienste den anderen Besuchern offerieren. Völlig ohne Bezahlung. Ich bin zurück, da, wo ich herkam.

Sonntag, April 01, 2007

Sticking to My Memories

It was on July 25, 1997, when I sat on a bike with my eyes closed rolling down a hill on the danish island Langeland. Through my eyelids I only saw the redness of the sun. In that instant I resolved to keep this moment of well being and comfort forever in my mind - except for the date when this moment happened. I had to think the date up since I forgot it.
I like to save memories for future occasions. Just in case somebody takes me hostage and throws me in a dark cave where I have to wait for weeks or years for my rescuer to come. Moreover there is always the danger that my central heating suddenly breaks down so that I need something to bend my thoughts on while I reel myself in my well padded blanket. And of course I need the company of plenty of memories for the time when I am old and alone (hey - that's strictly speaking now). It's good to collect these treasures of thoughts now so I have got them within reach early enough. And I can beautify, refine and change them a little.
A few hours ago I decided to create a new memory for my upcoming needs. I lay on a tribune next to a small football ground. It was an unusual tribune made of earth and grass. Straws pricked my neck. The sun was vanishing. Swarms of midges gathered around my head. I couldn't read, it was too dark. I felt frosty.
To be honest, this fresh and new memory isn't quite convenient and handy. But at least I can use it for one opportunity - then, when I am sitting in the dark cave being afraid of my kidnappers and whispering to myself: It could be worse.


Three memories I would like to get back:
- The first time I had nosebleeding
- The first time I had allergy
- My first kiss

Mittwoch, März 28, 2007

Dienstag, März 27, 2007

Der 24-Stunden-Report (8): 9 Uhr

Warum bin ich nur nach Dänemark gegangen? Weil ich das Land kannte? Meine letzte Urlaubserfahrung endete damit, dass ich mit meinem Fiesta einen kaputten Subaru 60 Kilometer außer Landes ins sichere Deutschland schleppte, wo der ADAC-Engel das gerissene Kupplungsseil in zehn Minuten gegen ein Provisorium austauschte. Wegen der Däninnen? Niemals vor meiner Herkunft habe ich mit einer einheimischen Staatsangehörigen gesprochen, abgesehen vom "Tak!" gegenüber der Kassierin im Shop am Urlaubsdomizil. Wegen der Sprache? Ja. Nein, nicht wegen Dänisch - wegen Englisch. Ausländer, die nach Roskilde, Kopenhagen, Aarhus kommen, um zu studieren, müssen die Landessprache nicht können, Englisch reicht.
Das Resulat dessen: Ich, der in einem Seminar sitzt, das in Dänisch abgehalten wird. Thema ist das narrative Interview, ein Konzept aus deutschen Landen von Fritz Schütze. Im Seminar lohnt sich zur Illustration der Methode durchaus ein Blick auf ein Gesprächsprotokoll - zu dem ich wegen meiner Sprachbarriere allerdings nichts zu erzählen weiß.
Ich habe eine Dolmetscherin, und der Dozent gibt zuweilen englische Zusammenfassungen. Er erwähnt Melanies und mein Forschungsthema "Deutsche Arbeiter in Dänemark" und mit wem sich da ein narratives Interview sinnig sei.
Melanie ist meine Bielefelder Kommilitonin. Wegen ihr und mir hat der Dozent letztes Mal sein Seminar auf Englisch organisiert. Jemand habe darum gebeten, diesmal auf Dänisch vorzugehen, erzählt er zu Beginn dieser Sitzung. Ich sage, das sei okay. Ich bitte meine Sitznachbarin um Übersetzungshilfe und von nun an frage ich alle paar Minuten: "What are they talking about now?", "What has he said?", "What do svar, svagheder and forbindelse mean?" - "Answer", "weaknesses" und "connection" flüstert sie mir nach und nach zu, wodurch ich von der gerade laufenden Diskussion abgelenkt werde. Zu der kann ich zwei Mal etwas beisteuern, einmal wegen der persönlichen Erwähnung durch den Dozenten, einmal weil ich rasch genug eine Übersetzung zu einer vorigen Äußerung bekommen habe.
Ich hab den Eindruck, ich bin nur unzureichend integrationswillig. Wandere in ein Land ein und meine dann, die Leute da müssten so sprechen, dass ich sie verstehe. An der Uni Bielefeld gibt Pädagogik-Professor Hans-Uwe Otto im neuen Semester ein Seminar auf Englisch, alle anderen Veranstaltungen an der Fakultät sind auf Deutsch. Die Bielefelder Fakultät hat mehrere hundert Studenten und will sich mit der Einführung von Bachelor und Master internationalisieren. Am Institut hier in Roskilde hab ich nicht mehr als 40 Pädagogikstudenten gezählt, angehende Bachelors und Masters zusammengenommen, und die haben noch ein Zweitfach neben Pädagogik und Psychologie.
Für seine vier internationalen Studenten aus Spanien und Deutschland hat das Institut for Psykologi og Uddannelsesforskning indiduelle Semesterpläne geschnürt. Ich besuche die Seminare nicht durchgängig, sondern immer spezielle Sitzungen, und die werden dann auf Englisch abgehalten.
Mit einer Ausnahme, die mich taub und fast stumm macht. Ich bin zu sehr damit zugange, nach Worten zu grapschen, die Deutsch klingen - wie soll ich da aufmerksam zuhören?
Mein Dozent ist sichtlich betrübt, dass das Seminar mir Rücksicht auf die Mehrheit dänisch ablaufen musste. Die Studenten wollten über ihre Erfahrungen mit der besagten Methode reden, da wäre Englisch eine ziemliche Schranke gewesen. Wäre ich Präsident einer großen Nation, sagte ich jetzt vielleicht: Ich sehe das als Herausforderung.
Weil durch wenig ausgeprägten Patriotismus mental wenig Nation hinter mir steht, und ich noch nie von einem Präsidenten gehört habe, der einen Sprachkurs besucht hat, um ein internationales Anliegen zu bewältigen, ist meine Haltung anders gelagert. Phantastische Träumereien wie Dänisch lernen in nur fünf Monaten sind ungleich schwerer umzusetzen als einen US-Kongress mit republikanischer Mehrheit zum Einmarsch in den Irak zu überzeugen. Aber ich war noch nie Präsident, ich bin da nicht so firm.
Doch zurück zum Seminar: Außer dem hatte ich in diesen Tagen vier bewegende Spracherfahrungen:
- Beim Volleyballnachmittag in der Turnhalle nahe dem Campus hörte ich einen Eingewanderten Dänisch schwatzen mit einem Einheimischen. Ich hab ihn vorher als Franzosen mit entsprechendem Akzent beim Englischsprechen wahrgenommen. Jetzt bin ich komplett beeindruckt, hab vorher aus irgendwelchen Gründen, das pauschale Urteil mit mir herumgetragen, Franzosen sprächen gewissermaßen naturgemäß nie und nimmer Dänisch.
- Eine polnische Kommilitonin fragte mich und einen anderen Deutschen, ob sie auf unserer gemeinsamen Radtour von einem Partystandort nach Hause zum Campus ihre Ohrhörer einstöpseln solle. Wir erklärten, es bestünde dafür keine Veranlassung, weil wir Englisch sprächen und Deutsch nur für auf Englisch Unaussprechliches einsetzen würden, wie wir es Sekunden zuvor bei einem Gespräch taten, das den Namen eines Volkswagen-Modells beinhaltete. Wir hielten uns an unsere Beteuerung.
- Minuten zuvor hatten der Deutsche und ich der Bitte zweier Italienerinnen stattgegeben, unsere Konversation in unserer Stammsprache fortzusetzen, - sie sprächen schließlich Deutsch. Wir öffneten die Büchse der Pandora: Flugs stand ein weiterer Italiener mit Deutschkenntnissen in unserer Runde, ein Österreicher passierte uns, eine Deutsche sagte Tschüss und wenig später fanden mein Landsmann und ich uns wieder im Gespräch mit einem Neuseeländer - natürlich auf Deutsch.
- Wozu bin ich eigentlich hier?
[Translation] I am sitting in a class and it's completely in Danish. Well, not completely. There is one girl next to me translating what the teacher says. And the teacher gives brief summaries on what he has just said. Main topic of the class on this day is the "narrative interview" developed by Fritz Schütze - right: He is a German researcher and therefore it is quite weird to hear his ideas in Danish.
It is my first class in Danish. At the beginning of the lesson the teacher asked me whether it would be okay to hold the class this time in Danish. I said: "Yeah, that's okay", slighly aware of the differences this appointment could breed.
At last I had contributed two statements to the other students since first, the teacher had mentioned my project topic as an exampel, and second, I had asked my translator fast enough to give me the statement of one girl during a discussion. It's a funny feeling to argue in English when you don't understand the Danish answer.
And still: I have got the impression I am not willing to be integrated into Denmark because I travel hither and I demand from the locals to speak in a way by which I can understand them. I didn't visit a Danish course until I came to Roskilde.
And now let's have a glimpse on my faculty at the University of Bielefeld: There is one single course in English - all the other courses are in German. Hundreds of students study at my faculty, here at my department at the University of Roskilde I have never located more than 40 students.
My teacher is rather sorry about my current situation. Students had asked him beforehand to work in Danish this time since it would be easier for them to present their experiences. And whereas they are arguing I examine the projected slides next to the blackboard - I get a pretty good feeling that I am getting better and better in reading Danish. And when I'm unsure I just ask the friendly girl that sits next to me.

Montag, März 26, 2007

Sonnenwind


Simy hat die These aufgebracht, dass der ständige Wind hier auf Seeland (dänisch Sjælland) für Sonnenschein sorgt. Denn der Wind schubst die Wolken davon und zerstöbert sie, so dass die Sonne ungehindert auf die hiesige Erdoberfläche herabscheinen kann. Wenn es mal nicht sonnig ist - was häufig vorkommt -, liegt das im Umkehrschluss daran, dass nicht ausreichend Wind vorhanden ist.
Ich freue mich auf den nächsten Orkan. Dann wird nichts mehr die wärmenden Strahlen aufhalten können, und ich kann mir ein ausgiebiges Sonnenbad genehmigen.

Freitag, März 23, 2007

Der 24-Stunden-Report (7): 12 Uhr

Es ist kurz nach Mittag, und ich vergesse meinen Mantel im Seminarraum im Institut for Psykologi og Uddannelsesforskning. Ständig vergesse ich Sachen. Oder ich meine, sie vergessen zu haben. So wie meine Zimmerschlüssel, die ich verloren glaubte, als ich meine erste Salsa-Kursstunde hinter mir hatte. Innerlich wurde ich sehr panisch, äußerlich sehr hektisch, und das nur, weil sich das Schlüsselanhängerband um meinen gesuchten Gegenstand gewickelt hatte und der deswegen in der Innentasche meiner Kordjacke nicht mehr klimperte. Aber irgendwie schweißt es immer auch zusammen, wenn einer in Not ist und andere ihm helfen müssen, sprich: Meine Beziehung zu meinen Tanzlehrerpaar hat darunter nicht gelitten.
Den Schlüssel habe ich seitdem ein ums andere Mal wieder verloren zu haben geglaubt, bis ich mir einen Karabinerhaken gekauft habe, den ich zwar nie an meinen Hosenbund klippe, der jedoch vielleicht wegen seiner Unförmigkeit gewährleistet, dass ich meinen Schlüsselbund in Taschen und Rucksäcken ertasten kann, bevor ich mir seinen Verlust einbilde.
Ich bin mittlerweile ziemlich gut im Rekonstruieren kürzlich ausgeführter Handlungen. Wo bin ich hingegangen? Hab ich da mobil telefoniert? Wo hab ich das letzte Mal in bar bezahlt? Mein Handy finde ich jeden zweiten Tag in dem schmalen Fach vorne an meiner Umhängetasche wieder. Meine Portemonnaie habe ich schon zweimal im Fach auf der Rückseite der Tasche entdeckt.
Eine Kardinalfrage beim Rekonstruieren ist: Habe ich meine Zimmertür abgeschlossen? Jedesmal, wenn sich mir diese Frage aufwirft, muss an die Frau aus Stephen Kings "Needful Things" denken, die bei einer Art Repräsentant der Hölle ein Amulett gegen ihre Athritis kauft und damit nicht nur ihr Gebrechen, sondern gleich auch ihre Seele los wird und die spezielle Fähigkeit erwirbt, nicht mehr aus dem Haus gehen zu können. Denn immer, wenn sie das versucht, fragt sie Sachen wie: "Polly, hab ich die Herdplatte angelassen?" (Ist ein Selbstgespräch - sie heißt Polly Chalmers), "Läuft das Wasser noch?" und wo sie gerade an Wasser denkt: "Hat der Goldfisch noch genug davon?" Und dann die Schlüsselfrage, die ich mir auch immer stelle: "Abgeschlossen?! Ich geh mal besser und guck noch mal nach." Wenn ich ein Auto geparkt habe, laufe ich ein-, zwei-, dreimal darum herum, um die Verriegelung zu überprüfen. Hin und wieder vergesse ich das.
Ich habe meinen Schlüssel neulich im Kühlschrank gefunden. Kurz davor war ich wieder panisch, bis mir ins Bewusstsein schoss, dass ich meinem kanadischen Kommilitonen meinen Schlüsselbund gegeben hatte, damit er an mein Notebook konnte. Der Kühlschrank ist unser Geheimübergabefach. Ich bin schon suchend im Schnee herumgestolpert, während der Schlüssel für mich gut geschützt parat lag.
Allerdings: So ganz dramatisch wäre es nicht, wenn ich meinen Schlüssel verlöre. Ich hab neulich gehört, dass es um den Dreh 900 Kronen (120 Euro) sind, die ich an Strafzahlung zu entrichten hätte, um einen neuen Schlüssel zu kriegen. Das ist bei Sicherheitsschlössern, wie sie mein Wohnheim hat, nicht viel. Als in der Uni Bielefeld der Generalschlüssel nach einem Handgemenge nahe der studiengebührenentscheidenen Senatssitzung abhanden kam, waren die Kosten ungleich deftiger. Da war von 800.000 Euro für neue Schlösser die Rede. Ganz anderes Kaliber. Wenngleich die ostwestfälische Uni und mein Wohnheim zumindest optisch vergleichbar sind: gut sichtbare Versorgungsleitungen, nackte Betonwände, kurz: der zweckmäßige Baustil einer Fabrik, der zumindest in Sachen Uni noch an Denkfabrik denken lässt, ein Terminus, den ich für meine Unterkunft hingegen ausschließe: Da ist mein Gehirn nicht mal in der Lage, mir zuverlässig zu melden, wo mein Schlüssel ist.

Mittwoch, März 21, 2007

Radio-Report aus Skandinavien (2)

Frischer fernmündlicher Lagebericht aus Roskilde. Sendedatum bei Hertz 87.9: 21. März 2007.



mehr Berichterstattung

Donnerstag, Februar 22, 2007

Der 24-Stunden-Report (3): 3 Uhr

Ich habe zum ersten Mal auf Englisch geträumt. Alle jungen Menschen, die für mehrere Monate ins Ausland gehen, wünschen sich so eine Sprachumprogrammierung. Es kommen sogar Kanadier hier nach Dänemark, um die englische Sprache zu lernen und dann darin zu träumen. Das gilt zumindest für französischsprachige Kanadier (die nicht Kanadier genannt werden wollen, weil sie aus Québec kommen). Der einzige englisch sprechende Kanadier ist hier, weil seine Vorfahren Wikinger waren. Ich muss mich also nicht rechtferigen, wenn mich jemand fragt, warum ich für meinen verlängerten Sprachurlaub ausgerechnet diese gering bevölkerte Inselreich gewählt habe.
Von meinem englischen Traum sind mir nur vage Erinnerungen geblieben. Irgendwelchen Wesen mit gestauchten Leibern (vielleicht Menschen) in einem Supermarkt, die mich ansprechen. Gerne würde ich antworten, hab nur leider ein nicht unwesentliches Problem: Ich verstehe kein einziges Wort.
Okay, ein Wort habe ich behalten: Edge. Doch was soll ich damit anfangen? Wollen die mir sagen, dass ich mich grenzwertig verhalte? Dass ich mal lieber Geld auf die hohe Kante legen sollte?, Dänemark ist ja nicht so ganz günstig.
Vermutlich esse ich zu viel Warmes am Abend. Hier im Wohnheim gibt es regelrechte Essgelage. Alles durcheinander: spanisches Omelette mit Pasta mit Salat mit Reis mt dänischem Leitungswasser als Begleitgetränk. Davon kriegt man automatisch Alpträume, weil der Körper trotz Schlafs nicht zur Ruhe kommt, weil der Magen verdauen muss. Ob allerdings von der Güte her ein Unterschied besteht zwischen warmen und kalten Essen, weiß ich nicht. Ich gebe nur wieder, was mir zugetragen wurde.
Erst jüngst habe ich mir deutsche Hausmacherkost zubereitet. Ein ganzes Blech Pizza habe ich bislang noch nie in meinem Leben für mich alleine gehabt - in meiner WG muss ich immer was abgeben (was ich gerne tue, echt Jungs!) und die Großfamilie, der ich entstamme, ist meist so freundlich, mir als Dank für meine Mühe und gutes Benehmen ein Stück überzulassen. Ich habe drei Tage für das Blech gebraucht. Und dann hatte ich diesen Traum, obwohl die Pizza kalt war (zumindest an den zwei letzten Tagen ihres Daseins).
Als ich die Zutaten für die Pizza gekauft habe, fing mein Gehirn an, auf Englisch zu denken. Sehr einfaches Englisch: "Aha, 10 Krones. This price is usual ... Carrots for 20 Krones. That is rather unusual." Ich bin 45 Minuten im Laden herumgelaufen, und ständig das Gleiche "usual" - "unusual". Das ist ja noch ziemlich ungefährlich. Was aber mache ich, wenn mein Hirn komplett auf Englisch umschaltet? Wie im Traum. Ich verstünde meine eigenen Gedanken nicht mehr.

Samstag, Januar 20, 2007

Erkenntnisse

Jeder Mensch hat eine Speiseröhre, eine Trinkröhre und eine Luftröhre. Das habe ich bis vor drei Wochen geglaubt. Woher diese Idee kam - keine Ahnung. Hätte ich mir vorher selbst einmal die Frage gestellt "Wie sollen all diese Röhren in einem Menschenhals passen?", ich hätte begriffen, dass sich kompletter Unsinn in meinem Hirn gefestigt hat. Doch Menschen können Jahrzehnte lang mit einer komplett falschen Meinung über sich selbst und die Beschaffenheit der Welt herumzulaufen. Das gehört zum menschlichen Wesen. Und wenn nicht irgendwann irgendeiner sagt, dass drei Röhren eine zu viel sind, dann wandert der Irrtum mit ins Jenseits.
Den Anlass für meinen Irrglauben suche ich in meiner Kindheit. Vielleicht hat mir meine Mutter mal gesagt: "Wenn du dich beim Essen verschluckst, dann ist ein Stück Kartoffel (oder Erbsen, Brot, etc.) nicht in die Speiseröhre, sondern in die falsche Röhre gekommen." Und dann habe ich mir die Trinkröhre ausgedacht, von deren Fehlen ich erst erfahren habe, als ich meinen Mitbewohnern vor drei Wochen erzählen wollte, was in meinem Körper passierte, als ich mich kurz zuvor verschluckt hatte.
Seitdem ich in Dänemark bin, ist mir meine Nahrung immer sehr störungsfrei in den Magen gelangt. Der Irrtum, dem ich hier aufgesessen bin, betrifft meine Meinung, ein Studium im Ausland sei dazu da, Kontakt aufzunehmen zum einheimischen Volk. Die einzigen Dänen, die ich bis jetzt in Roskilde kennengelernt habe, sind meine Lehrer (na gut: und das Mädchen von der Uni-Zeitung und der Mentor eines spanischen Kommilitonen). Meine Nachbarn im Wohnheim sind Spanier, Kanadier und Franzosen - was prima ist -, und sie kochen und reden mit mir. Die Dänen, die hier wohnen, kenne ich nur aus Erzählung. Sie verkriechen sich in ihre Zimmer und kommen nur in den frühen Morgenstunden heraus, um ihre Wäsche in die Maschine zu geben und Post aus dem Kasten zu holen. Danach gehen sie weiter ihren Studien nach.
Der Monat Februar wird erweisen, ob Dänen derart fremdeln. Dann beginnen die Vorlesungen am Roskilde Universitetscenter. Nur zu gerne würde ich mein neu gelerntes Dänisch außerhalb des Sprachkurses unter ungeschützten Bedingungen ausprobieren. Wäre schon schön, wenn sich meine jetzt gefundene Erkenntnis, mein Dänemarkbesuch sei keineswegs dazu gedacht, mir Zugang zu dänischen Menschenherzen verschaffen, als Fehlschluss herausstellt.