Samstag, Januar 20, 2007

Erkenntnisse

Jeder Mensch hat eine Speiseröhre, eine Trinkröhre und eine Luftröhre. Das habe ich bis vor drei Wochen geglaubt. Woher diese Idee kam - keine Ahnung. Hätte ich mir vorher selbst einmal die Frage gestellt "Wie sollen all diese Röhren in einem Menschenhals passen?", ich hätte begriffen, dass sich kompletter Unsinn in meinem Hirn gefestigt hat. Doch Menschen können Jahrzehnte lang mit einer komplett falschen Meinung über sich selbst und die Beschaffenheit der Welt herumzulaufen. Das gehört zum menschlichen Wesen. Und wenn nicht irgendwann irgendeiner sagt, dass drei Röhren eine zu viel sind, dann wandert der Irrtum mit ins Jenseits.
Den Anlass für meinen Irrglauben suche ich in meiner Kindheit. Vielleicht hat mir meine Mutter mal gesagt: "Wenn du dich beim Essen verschluckst, dann ist ein Stück Kartoffel (oder Erbsen, Brot, etc.) nicht in die Speiseröhre, sondern in die falsche Röhre gekommen." Und dann habe ich mir die Trinkröhre ausgedacht, von deren Fehlen ich erst erfahren habe, als ich meinen Mitbewohnern vor drei Wochen erzählen wollte, was in meinem Körper passierte, als ich mich kurz zuvor verschluckt hatte.
Seitdem ich in Dänemark bin, ist mir meine Nahrung immer sehr störungsfrei in den Magen gelangt. Der Irrtum, dem ich hier aufgesessen bin, betrifft meine Meinung, ein Studium im Ausland sei dazu da, Kontakt aufzunehmen zum einheimischen Volk. Die einzigen Dänen, die ich bis jetzt in Roskilde kennengelernt habe, sind meine Lehrer (na gut: und das Mädchen von der Uni-Zeitung und der Mentor eines spanischen Kommilitonen). Meine Nachbarn im Wohnheim sind Spanier, Kanadier und Franzosen - was prima ist -, und sie kochen und reden mit mir. Die Dänen, die hier wohnen, kenne ich nur aus Erzählung. Sie verkriechen sich in ihre Zimmer und kommen nur in den frühen Morgenstunden heraus, um ihre Wäsche in die Maschine zu geben und Post aus dem Kasten zu holen. Danach gehen sie weiter ihren Studien nach.
Der Monat Februar wird erweisen, ob Dänen derart fremdeln. Dann beginnen die Vorlesungen am Roskilde Universitetscenter. Nur zu gerne würde ich mein neu gelerntes Dänisch außerhalb des Sprachkurses unter ungeschützten Bedingungen ausprobieren. Wäre schon schön, wenn sich meine jetzt gefundene Erkenntnis, mein Dänemarkbesuch sei keineswegs dazu gedacht, mir Zugang zu dänischen Menschenherzen verschaffen, als Fehlschluss herausstellt.

Samstag, November 11, 2006

Oma hätte es besser gewusst ...

Beim Boje-über-Bord-Manöver im Mittellandkanal war ich heute etwas zu schnell. Gewöhnlich soll das Boot neben der Boje beinahe zum Stehen können. Mein Boot schoss aber an der Boje entlang. An Bord holen konnte man sie trotzdem prima. Wäre die Boje ein Mensch, den sie im Manöver ja auch tatsächlich simuliert, dann hätte dieser Mensch seit heute entsetzlich lange Arme. Wieauchimmer. Ich fühle mich nicht bemüßigt, aufgrund solcher Konstruktionsmängel die Abschaffung der Gattung Mensch zugunsten einer als Lebensform noch zu etablierenden Gattung Boje zu fordern. Vielmehr möchte ich in Gedanken eine Reise fortsetzen, die am Wochenende begann.

[Fortsetzung] Die tagelange Reise führte uns in den deutschen Süden. Menschenscharen standen zu beiden Straßenseiten und grüßten uns mit Blumen, Konfetti und Transparenten. „Johnny – Wenn einer die Konfitüre verdient hat, dann Du“, „Jimmy – Ich hab' ein Kind von Dir“. Es waren bewegende Momente, und doch war es der am miesesten organisierte Empfang, der Jimmy und mir je zuteil worden war. Es war keine Liebe in dem, was die Leute taten ... überall nur ernste, steinerne Gesichter. Auf den ersten Blick schienen die Leute uns willkommen zu heißen. Ein Blick in ihre Herzen aber zeigte: Sie waren nicht ganz bei der Sache. Offenbar hatte man sie für ihren verlogenden Auftritt bezahlt.

Jimmy und ich machten, dass wir davonkamen. Jimmys Finger war geschwollen und unbeweglich. Er wollte einen Arzt. Ich aber trieb zur Eile. „Es ist für Ma“, sagte ich. Und Jimmy verstand.

Dienstag, November 07, 2006

Wenn Oma das wüsste ...

[Fortsetzung] Der Jumbojet ist etwas größer als Vaters Traktor und verbraucht mehr Sprit. Trotzdem: Das schlechtere Ökobilanz durch das Kerosin ist Vater egal - er wechselt je nach Lust und Laune zwischen Traktor und Jet hin und her.

Für meinen Bruder, mich und die Einkäufe brachte das einen entscheidenden Nachteil: Der Kofferraum vom Jet ist viel zu klein (etwa so groß wie der von einem Smart). Nur mit Not und Mühe drückten und prügelten wir unsere Supermarkt-Kollektion hinein. Mein kleiner Bruder musste den Getränkeautomaten auf den Schoß nehmen, die Sellerie steckte ich in meine Jackentaschen, die Kugelschreiber schoben wir hinter Vaters Ohr.

Unsere Ankunft daheim war sehr festlich. Mutter setzte das Luftgewehr ab, kurz nachdem wir gelandet waren, und bewarf uns mit bunter Farfalle. Die war noch vom Vortagsmittagsmahl über; unsere Schweine essen die nicht.

Es war ein großes Hallo. Doch während Mutter die Einkäufe ins Haus wuchtete, hielt sie inne. Etwas stimmte nicht. Mutter ist sehr sensibel, wenn etwas nicht stimmt. Sie fühlt sich in ihrem Tagesablauf gestört.
Mutter: "Johnny und Jimmy. Hier stimmt was nicht. Das rieche ich doch zehn Meilen gegen den Wind." (An dem Tag kam der Wind aus Nordost.)
Ich: "Oha. Ich darf annehmen, dass das, was dich beunruhigt, Folgen für unseren heutigen Tagesverlauf haben wird." (Jimmy und ich drehten uns nach Nordosten. Die Luft roch etwas mehlig. Jimmys Augen quollen hervor, er musste stark husten - es war also alles wie immer.)
Mutter: "Ihr habt die Konfitüre vergessen, die mit Sauerkirsch."

Es ist ein großes Versäumnis der Menschheit, dass sie es nicht vermag, eine Balance zwischen der Nachfrage und den tatsächlich im Supermarkt stehenden Sauerkirschkonfitüren herzustellen.

"Ma - wir werden uns darum kümmern. Mache Dir keine Sorgen". Das sagte ich. Und innerlich kochte ich. Die Hitze hatte keinen Deut nachgelassen. Die Sandkrümel in meinen Lederschuhen kitzelten meine Zehen. Ich holte den Eselskarren, ließ mich mit meinen Bruder darauf nieder. Los ging die Reise. Das Schicksal sollte uns zu einem modernen Supermarkt bringen, der von Sauerkirschkonfitüre nur so klebte. Das zumindest hofften wir. Der Finger meines Bruder geriet in eine Radspeiche des Karren und wurde eingequetscht. Ich riss seine Hand von der Achse weg. Wir konnten uns keine Verzögerung erlauben. Mutter wartete. [Fortsetzung folgt]