Montag, März 22, 2010

Was passiert, wenn Zitierer sich auf Zitierer verlassen

Ich habe relativ früh im Studium gelernt, dass ich Zitate in Forscherveröffentlichungen unbedingt zu prüfen habe, wenn ich sie denn in meinen wissenschaftlichen Texten verwenden möchte. "zit. nach xy" zu schreiben, sei kein allzu sauberes Arbeiten und nur okay, wenn das Primärwerk nicht erreichbar sei. Für mich bedeutet das elendes Recherchieren, Bücherschleppen, das entsprechende Zitat rauszusuchen und mitunter zu begreifen, dass es aus dem Zusammenhang gerissen wurde. Für mich bedeutet die Sucherei merklichen Zeitverbrauch, und trotzdem lohnt sich's, weil es mich auf neue Fährten bringt.

Und bei allem Stress, den das Zutagefördern von Zitaten mit sich bringt - ich kann zumindest sagen: Ich halte mich meistens an den Kodex des Primärzitate-Suchens. Wohl gerade deswegen ärgere ich mich, wenn andere das nicht tun. Momentan lese ich einen Artikel von Ursula Apitzsch - "Biographieforschung und interkulturelle Pädagogik" - und bin auch durchaus angetan von dem Text. Nur: Da gibt es offenbar ein Problem mit einem Primärzitat. Apitzsch schreibt in einer Passage von der frühen Chicagoer Schule, die u.a. mit der Wiedergabe von Biographien von Einwanderern zeigen wollte, dass die Aufnahmegesellschaft damals oft wenig offen auf die Neuen reagierte und an ihren Traditionen festhielt (ein Bild, das sich nur bedingt gewandelt haben dürfte). Dann verweist sie auf ein Zitat von Robert E. Park, Vertreter besagter Chicagoer Schule, und leider fehlen die Anfangs-Anführungszeichen, so dass ich nicht genau weiß, wo das Zitat beginnt - vermutlich hier:

Die Krisenerfahrung der marginalen Situation, die zur Auflösung der Gewohnheiten, des ,cake of custom‘ ... führt, hat eine befreiende Wirkung auf das Individuum, das die Hemmungen konventioneller Denkweisen zu überwinden vermag“ (Park zit. n. Lindner 1990, S. 212)

Einziges Manko: Das Zitat, das Apitzsch bei Linder gefunden hat und von ihm zitiert, ist allem Anschein nach gar keine eigene Aussage von Park, sondern es scheint sich um eine Passage zu handeln, die Park selbst zitiert hat. Dieser greift in zwei Artikeln ("The Nature of Race Relations", 1939, und "Human Migration and the Marginal Man", 1928) auf eine Aussage von Frederick J. Teggart zurück, der laut Park - und da muss ich selbst jetzt wiederum gestehen, dass ich nun auf seinen Text als Sekundärquelle verweise - in "Theory of History" (1925, S. 196) schreibt:

The overexpression of individuality is one of the marked features of all epochs of change. On the other hand, the study of the psychological effects of collision and contact between different groups reveals the fact that the most important aspects of ‘release’ lies, not in freeing the soldier, warrior, or beserker from the restraint of conventional modes of action, but in freeing the individual judgement from the inhibitions of conventional modes of thought.

Das Sekundärzitat habe ich entdeckt in Parks "The Nature of Race Relations" (Wiederabdruck in "Race and Culture" 1950, S. 97). Ich habe absichtlich einen großzügeren Ausschnitt des Zitats gewählt, weil ich mich frage und dazu Antworten erhoffe:
- Was hat Lindner da genau zitiert? Ich kann vom Kuchen der Gewohnheit in dem Zitat, von dem ich vermute, das es das Ausgangszitat darstellt, nichts entdecken. Den "cake of custom" finde ich bei Park in einem anderen Text ("The Problem of Cultural Differences" Park 1950/1931, S. 11) in dem er auf einen Bagehot als Verwender dieser Wortschöpfung rekurriert.
- Kann ich jetzt, da anscheinend auch andere Wissenschaftler Sekundärzitate nutzen, die, um es vorsichtig zu formulieren, leicht in die Irre führen, leichtfertiger mit der Zitirerei umgehen? Es wäre eine irre Erleichterung.

Montag, Juli 13, 2009

Der ominöse Fehler 203

Heute hab ich mir Firefox Version 3.5 installiert. Vorher mit MozBackup alle Daten der alten Version inklusive Add-Ons gesichert.
Als ich dann XMarks das feine Programm zum Sichern meiner Booksmarks - suchte, war's verschwunden. Stand zwar noch unter meinen Add-Ons, ließ sich aber nicht aktivieren. Ich hab auch versucht, es noch mal zu installieren. Ging nicht. Firefox meldete Fehler 403 und empfahl, in der Fehlerkonsole nachzugucken. Das half mir nicht weiter. Dann fand ich folgenden Beitrag im Forum: "Fehler 203, Erweiterung lassen sich nur teilw. installieren". Die Lösung für mich stand irgendwo unten im Text - einfach folgende Dateien im Profilorder für Firefox löschen:

extensions.ini
extensions.cache
extensions.rdf

Alle Add-Ons tauchten nach dieser Maßnahme wieder an ihren alten Stellen auf und funktionierten. Wunderbar!

Danke JonHa und mozillazine.org.

Mittwoch, April 15, 2009

Ich laufe jetzt nicht mehr selbst – ich lasse laufen

Ich weiß gar nicht mehr, wie das kam, dass Timo mich mit zum Reiten nahm. Freundschaft war vermutlich der primäre Grund, der zweite: Neugier, der dritte: Die glorreichen Sieben. Wenn ich bislang mit Leuten übers Reiten sprach, dann waren es immer unsere zwei Ausflüge zu einem Reiterhof in Logabirum, die mir in den Sinn kamen. Und trotz des leichten Schreckens, den sie mit sich brachten, sitze ich jetzt in einem Bett, das zu einem Reiterhof in Irland gehört. Hier mache ich gerade Working Holidays, die mit Holidays gehörig wenig zu tun haben. Und – ich greife vor – ich sitze hier auf Pferden, die meistens nicht nur in der Landschaft herumstehen, sondern auch darin laufen, schreiten, traben, galoppieren, meist mit mir obendrauf. Davon hätte ich höchstens zu träumen gewagt nach meinen Erlebnissen mit Timo und meinem ersten Leihpferd.

Ich war ungefähr neun. Mit dem Fahrrad zum Reiterhof zu fahren, war allein schon aufregend. So weite Strecken selbstständig hinter mich zu bringen, war ich nicht gewohnt. Das waren bestimmt zwölf Kilometer oder so. Oft mit Gegenwind – auf dem Hin- und dem Rückweg.

Ich weiß noch, dass Timo ein super Voltigierer war. Zumindest hat er an Wettbewerben teilgenommen. Und wohl deswegen durfte er sich einfach Pferde für einen Ausritt ins Grüne ausleihen und musste nicht im Kreis durch die Arena marschieren. Es war auch kein Thema, dass ich als Reitunkundiger auf so einem Ausflug mitkam. Bronko hieß mein Pferd, ein Name, der für meinen Geschmack zu sehr nach Gemüse klingt, um eines edlen Rosses würdig zu sein.

Zwei Gründe, die dafür sprechen , nach meiner Reiterfahrung mit Bronko nie wieder auf ein Pferd zu steigen:

1. Kurz nach dem Losreiten, vermutlich beim zweiten Besuch in Logabirum, fiel ich von Bronko herunter. Ich geriet so ins Gras, in knapper Entfernung einer Hausmauer, gegen die ich auch problemlos hätte knallen können. Ich tat das nicht, weiß aber spätestens seitdem, dass Pferderücken nicht nur optisch einen wesentlich höheren Abstand zum Boden aufweisen als mein Fahrradsattel. Und mein Fahrradunfall, der mir mein Untergebiss durcheinander haute, war schon schlimm.
2. Als Timo mit seinem Pferd in den Trab ging, rannte Bronko hinterher. Mit der Folge, dass ich wie blöde im Sattel hoch- und runterhüpfte und feststellen musste, dass ich keine Kontrolle über das Pferd hatte. Timo stoppte mein Pferd und rettete mich (danke nochmal dafür!) vor dem erneuten Runterplumsen und einem vorzeitigen Verlust der Gradheit meines Untergebisses, das ja erst ein paar Jahre später beim Fahrradunfall seine endgültige Form gewinnen sollte. Seit diesem Vorfall vertrat ich mit festem Glauben die These vom Alphapferd, das die Herde führt, so wie Timos Pferd das meine in den Trab gebracht hat.

Und trotzdem: Ich bin jetzt in Irland, bewohne ein Zimmer mit quietschendem Bett und meiner Freundin Johanna, die darin neben mir liegt und die Ursache für meinen Weg hierhin ist. Vier Wochen war sie schon hier, bevor ich nachkam. Ich nahm den Ryanair-Flieger (schrecklich: diese gelben Sitze) von Weeze nach Shannon, den Bus vom Flughafen nach Limerick Bus Station, von dort den Bus nach Abbeyfeale. Gegenüber dem Spar-Markt (gibt’s die eigentlich nur noch außerhalb von Deutschland? Nee, oder? Ich hab im Rheiderland auch mal wieder einen gesehen, ist aber schon länger her), also: gegenüber vom Spar-Markt bin ich ausgestiegen, dann zum Tesco-Markt gelaufen, dann da Süßigkeiten gekauft, dann bei der Familie Fitzgerald angerufen. Leona ist eine Tochter des Hauses, die mich abholte und erst mal Futtersäcke für die Hühner kaufte und zusammen mit dem Verkäufer in ihren Peugout donnerte, in dem ich saß und darüber staunte, wie selbstverständlich das Volk der Iren auf der falschen Seite fährt und die Gangschaltung mit links bedient.

Und das war erst der Anfang. Wie nur sollte nin einem Land, in dem Autofahrer links in Kreisel hineinfahren, die mit „Yield“ beschriftet sind, die Pferde ordnungsgemäß funktionieren? Ich sollte es bald erfahren …

Dienstag, März 24, 2009

Regen machen mit Luftballons

Paul Walgon aus Kensebak hat am Dienstag seinen ersten funktionierenden Micro-Regenmacher der Ortsöffentlichkeit vorgestellt. Zehn Jahre arbeitete der Ingenieur an der Entwicklung, am Montag ist er damit fertig geworden.

"Die Erfindung ist vor allem für private Nutzer gedacht", sagt Walgon. Als Ausgangsstoff für seine Regenmaschinen verwendet er handelsübliche Luftballons. "Ich musste durchaus hin und wieder ein paar Cent zur Seite legen, um die beim hiesigen Sonderpostenhändler kaufen zu können", berichtet der 43-Jährige. In seinem Keller stapeln sich Kisten mit den kautschukhäutigen Spaßmachern.

Die Herstellung der Regenmacher ist gehörig materialintensiv. Hinzu kommt, dass Walgon jedes Gerät in Handarbeit fertigt. Dafür füllt er 20 Ballons mit Helium, einen mit Regenwasser. "Es hat lange gedauert, bis ich die Knoten hingekriegt habe", gesteht er. "Mittlerweile habe ich den Kniff raus." Mit einer aufwändigen Methode, die er sich hat patentieren lassen, verbindet er die Luftballons miteinander, unter Einsatz von Binsen, die er am Kensebaker Wontariasee erntet. "Im Grunde ist das ein Naturprodukt", sagt Walgon über seine Konstruktion. Das Wasser für den einen, mit dem Nass gefüllten Ballon, sammelt er in seiner Zisterne, die er vor zwei Jahren von seinem Nachbarn Bernd Matante übernommen hat.

Seine Erfindung will Walgon an seinem Straßenstand am Balgweg 12 verkaufen. Der Preis? "Das ist Verhandlungssache", sagt Walgon. "Allerdings kann ich die Regenmacher nicht ganz billig weggeben. Die Sentaken, die ich für das Gerät verarbeite, sind einfach zu teuer." Worum es sich bei diesen Sentaken handelt, will Walgon nicht verraten. "Nee, da würde ich ja Trittbrettfahrern Tür und Tor öffnen, da wäre ich ja schön dumm." Er gibt lediglich preis, dass er die Sentaken in das Regenwasser füllt.

Erste Tester sind von Walgons Erfindung begeistert. "Toll ist das", sagt Tim (10), eins der Nachbarskinder des Tüftlers. Ihn überzeugt besonders die Einfachheit des Gerätes. "Ja", erklärt Tim, "einfach steigen lassen, und dann knallt das ordentlich, und der Regen nieselt runter." Der feine Niederschlag fällt auf die je ausgewählte Fläche, die sich unter dem fliegenden Regenmacher befindet. "Prima ist auch, dass auf den Ballons so lustige Gesichter aufgedruckt sind", so Tim. Was er nicht mag, ist, dass die meisten der Ballons rosa sind. Nach seinen Angaben handelt es sich bei dieser Farbe um "Mädchenzeugs".

Bei Tims Testlauf ist der an dem Heliumballons angebrachte wassergefüllte Ballon in etwa zehn Meter Höhe geplatzt. "Die Sentaken sind so trainiert, dass sie erst in dieser Höhe die Membran der Kautschukhülle perforieren", beschreibt Walgon das Prinzip seiner Konstruktion. "Besonders eignet sich das Gerät für Hobbygärtner, die während Dürrezeiten ihre Pflanzen versorgen müssen." Einen Absatzmarkt erhofft sich der Kensebaker daher hauptsächlich in Schrebergartensiedlungen. Er appelliert daher an die Ortsbürgermeister Waltraud Begund diese bislang in Kensebak verbotenen Gartenanlagen zu legalisieren. Die KSP-Ortsgruppe, die im vergangenen Herbst erneut den Einzug in den Ortsrat verpasst hat, unterstützt Walgons Begehren.

Weiterführender Link: Die Regenmacher - Chinas Meteorologen und die saubere Olympialuft

Samstag, Januar 10, 2009

Ablösungserscheinung

Der Augenkuss ist hinlänglich hier beschrieben. Der Nasenkuss hier bebildert. Doch die Kombination aus beidem, also der Kuss auf eine der Flächen zwischen Auge und Nase, der Nasugenkuss, wie ich ihn nennen möchte, findet keinerlei Erwähnung.

Schade. Denn gerade der veranlasste eine mir nahe stehende Person zu dieser Bemerkung: "Kennst Du das Gefühl, wenn sich die Kopfhaut ablöst?"

Ja, zu solcherlei Sinnesexplosion ist nur der Nasugenkuss fähig.

Montag, Januar 05, 2009

Im Allgemeinen mehr Sicherheit ohne Fahrradhelm

Wenn es um den Skiunfall von Dieter Althaus geht, gelingt es Journalisten, die eigentlich bereits erzählte traurige Geschichte zu vertiefen: Ein Ministerpräsident ist in Österreich verunglückt, dabei kam eine am Unfall beteiligte Frau ums Leben, und er ist inzwischen aus dem künstlichen Koma erwacht.

Die Nachricht allein reicht nicht: Während Althaus noch ohne Bewusstsein war, berichtete sein Arzt über das Befinden des Politikers. Weil sich der Ministerpräsident nicht mehr oder noch nicht erinnert, kommt der Bürgermeister des Ortes, in dem die Familie der Verstorbenen altansässig ist, zu Wort. Bald könnte der überraschend doch vorhandene Augenzeuge Details über den Unfall Details zum Unfall öffentlich machen.

Weil der Vorfall hohen Nachrichtenwert hat, denken nun österreichische Politiker über eine Helmpflicht für Skifahrer nach. Ein Helm rettete wohl das Leben von Althaus. Geläutert durch die Erkenntnis, dass Helme den Kopf bei einer Skifahrgeschwindigkeit von bis zu 80 Stundenkilometern durchaus schützen können, falls es zu einem Sturz kommt, stocken Hobbywintersportler jetzt rege ihre Ausrüstung auf.

Und ich fühle mich an eine Begegnung mit einem Vertreter der Radfahrer-Lobby erinnert, der sagte: Unser Verband setzt sich nicht für das Tragen von Fahrradhelmen ein. Das verwirrte mich. Ich hab das Bild einer Melone im Kopf, die in einen Fahrradhelm gesteckt, das Runterfallen aus anderthalb Meter Höhe schadlos übersteht. Ihr Pendant ohne Helm zerbarst natürlich.

Der Lobbyist erzählte, in Australien habe man es schon mit einer Helmpflicht probiert. Der Effekt war, dass sich weitaus weniger Leute mit dem Rad auf die Straße wagten - ob aus modischen Erwägungen oder weil der Helm unbequem war, egal. (Hier Studienergebnisse zur Helmpflicht am anderen Ende der Welt.) Weniger Radelnde seien ein Problem, sagte der Fahrradfreund: Damit Radfahrer überhaupt im Straßenverkehr wahrgenommen werden, damit Autofahrer sie als halbwegs gleichberechtige Verkehrsteilnehmer akzeptieren und beachten, müssen unter den Teilnehmern im Verkehr zu mindestens drei Prozent Radfahrer sein. Wenn die Leute aber wegen der Helmpflicht nicht mehr das Rad nehmen, sondern zu Fuß oder im Auto unterwegs sind, dann ist der einsame Radfahrer, der sich doch noch nach draußen traut, stärker gefährdet, über- oder angefahren zu werden, als jene Radler, die in Münster oder Holland im Pulk sein Zweirad durch die Gegend bewegen.

Gut, dass der einsame Radfahrer zumindest einen Helm aufhat.

Samstag, November 29, 2008

Ein vermeintlicher Master of S8board antwortet

In den letzten Tagen habe ich viel Zeit mit Tony Hawks verbracht. Ich war letzten Sonntag in einem anglikanischen Gottesdienst in der Gemeinde Holy Trinity Brussels. Wie ich es von zu Hause aus der Adventszeit kenne, gab es da einen Basar — dieser noch wenig weihnachtlich. Es gab einen Buchstand, an dem ich mir als Ersatz für Cecilias Aherns "Für immer vielleicht" einen anderen Irland-Roman holte. Roman? Wohl eher eine Dokumentation: Tony Hawks fantastische Reise mit einem Kühlschrank, durch Irland, als Anhalter. "Round Irland with a fridge" und "Over 250.000 copies sold" steht da drauf, und die Tatsache, dass Tausende anderer sich das Buch auch in den Stubenschrank stellen wollten, war mir Kaufargument genug. Auch weil mir die Sache irgendwie bekannt vorkam.

Und bestimmt hatte ich auch schon von der Kühlschrankreise gehört oder die deutsche Fassung des Buches gesehen, die — wie er mir bestätigte — mein Bruder im Schrank hat. Ganz bestimmt aber hatte ich schon den Namen des Autors gehört, wenn auch mit einem S weniger. Tony Hawk, Großmeister des Skateboardings, der, dem nachgesagt wird, als erster mit seinem Brett in zweieinhalbfacher Drehung über einer Skateranlage geflogen zu sein, den 900er vollziehend. Und dann gab's Computerspiele, die er vermarktete, und deren Namen hörte ich, und deswegen kannte ich ihn wohl.

Diese Zufallsbekanntschaft trug wohl ihr Scherflein dazu bei, dass ich mir das Kühlschrankirlandreisebuch kaufte. Ob der Autor, Tony Hawks, Tony Hawk einst dafür dankte, dass seine Prominenz ihm einige Buchkäufer zuspielte, die sein Buch kauften in der Annahme ein unkonventionelles Stück mit Skateboardanleitungen in der Hand zu halten? Ich glaube nicht. Auch wenn Tony Hawks sehr geduldig mit dem irrtümlich bei ihm auflaufenden Fan-Volk umgeht, das eigentlich zu einem amerikanischen Sportler und nicht zu einem britischen Komiker wollte:

Dear Tony
I think you are cool, and my sister does too. Would you teach me some tricks? I really want to become a good skateboarder. How do you make a half-pipe? How old were you when you started skateing? How old were you when you learned how to do a kick flip? Do you ever come to Meigs County, Ohio to a skate park called Skatetopia? If so, would you let me know the next time you plan on being there.
DiJaun


DiJaun,
My, what a lot of questions. For answers, see below.
Q: Would you teach me some tricks? A: No
Q: How do you make a half-pipe? A: Take a whole pipe and cut it down the middle.
Q: How old were you when you started skateing? A: None of your business
Q: How old were you when you learned how to do a kick flip? A: I'm not telling you.
Q: Do you ever come to Meigs County, Ohio to a skate park called Skatetopia? A: No.
Q: If so, would you let me know the next time you plan on being there. A: You can rest assured, I shan't be there.

Now, there you are. Still like me? I doubt it.

TH



Hi Tony !!!!!!!!

Alles kla ?????????

Willste nich ma nach Wülfrat kommen und mir'n paar Tricks auf'n Skateboard beibringen ????

Ciao !

Diddy !!!!


Diddy

I am sorry but you seem to have mistaken me for a German

Tony Hawks

PS. Are you aware of the recent soccer match in Munich where England beat Germany 5-1?


hi can you send me tips
yes. Here are two. Don't stand downwind of flatulent people, and try not to get involved in leapfrogging unicorns.


tony,
will you ever retire from skate boarding
how hard was it to do the 900
who is your favorit skate boarder
your fan
Justin


Justin,
? This is a question mark. Don't be afraid of it.

Now answers to your queries:

Will I ever retire from skate boarding?
Only when I can slide along on the thing without falling off and bashing my knee.

How hard was it to do the 900?
Quite hard. Especially since around 750 of them said 'no' at first. I needed to be very persuasive.

Who is your favorit skate boarder?
He's dead now, but it used to be Harry Secombe.

TH


Bout ye big guy!!!!! Tone, I'm like ur bigest fan.i'm 9yrs old and bin sk8ing for like 2 yearsur amazing man, u rock dude i am your biggestt fan i gotta go luv will

Will,
We should hook up some time. You seem exactly my type of guy. It would be nice to sit down over a sherry and discuss Proust, listen to poetry and do the odd 'ollie' if the fancy takes us. I'll be in touch.

Possibly

TH


Tony Hawks hat die Anfragen und seine Antworten auf seiner Website gesammelt. Wer sich vielfaches Weiterklicken sparen will, geht auf archive.org.

[via tvscoop.tv]

Sonntag, November 09, 2008

Brussels in a Heartbeat (1) – Karte kaufen

Regina hatte mich schon vorinformiert: In Brüssel wie in jeder Großstadt gibt es Monatskarten für den Verkehrsverbund, und für den hiesigen ist ein Passfoto nötig. Das brachte ich bei meiner Anreise vor einer Woche mit, und am Montag nach dem ersten Arbeitstag wollte ich zur „BUTIK“ hetzen, um dort Antrag auf die Karte zu stellen.

Am längsten geöffnet hat die Butik an der Station Broukère, fand mein Arbeitskollege für mich heraus. Bis sechs. 20 Minuten davor trat ich in die Metro an der Station Schumann unter dem Hauptgebäude der Europäischen Kommission ein. Um sechs, nach einer kurzer Plauderei mit einem Postmitarbeiter, der den Weg zur Butik sagen konnte, stand ich vier Meter entfernt vor den Schaltern vor einer Glasscheibe, auf der stand, am 3. November sei „fermé“. Stimmt: Am Samstag war ja Allerheiligen, und weil dieser Feiertag aufs Wochenende fiel, musste werktags Ausgleich für den Verlust eines potenziell arbeitsfreien Arbeitstags geschaffen werden.

Am Dienstag nahm ich wieder am Abend die Untergrundbahn. Falsche Richtung. Bei „Montgomery“ aussteigen, Seite wechseln, auf die Bahn warten. Richtige Richtung, ständig auf die Uhr gucken. Zu spät an der Butik ankommen. Wieder vor der Glasscheibe stehen, sehen, wie der Sicherheitsbeamte die Hände wie beim Däumchendrehen umeinander kreisen lässt. „Morgen wiederkommen“, sagte der französischsprechende Belgier, als ich nachfragte. Ich sah Frauen an den Schaltern, die ihrem Feierabend entgegenlächeln. Ich überraschte mich damit, dass ich kraftvoll grumpfte.

Am nächsten Morgen fand ich mich gegen Viertel nach acht an der Butik am Gare du Midi (die niederländisch sprechenden sagen: Zuidstation) wieder mit der Nummer 57 in der Hand. Die ist für Cash-Zahler. Wer mit Karte zahlt, bekam eine Dreihunderter-Nummer. Eine Stunde später hielt ich noch immer den nun etwas zerquetschteren Berechtigungszettel in der Hand und hatte für zwei Euro ein Portraitfoto von mir erstanden. Mit 9 mal 13 Zentimetern zu groß, um es als Passfoto für das Monatsticket ausgeben zu können. Ich wollte ein Alternativbild zu dem, das ich aus Bielefeld mitgebracht hatte. Der Automat hatte mir nicht gesagt, das ein Portrait größer ist als der teuere Satz Passfotos, den er auch feilbot.

Drei Schalter waren in der Butik in Betrieb. Aber nicht immer. Mal verschwanden die Mitarbeiter in den Kammern dahinter, und mal telefonierten sie parallel, während die bedienten. Ich bemerkte, dass unabhängig vom Schalter im Wechsel nacheinander die Barzahler und dann die Kartenzahler drangenommen wurden. Als Brüsseler könnte ich also einfach beide Berechtigungszettel ziehen. Unfair.

Mein Mitarbeiter konnte auch Englisch. Drei Minuten, nachdem ich ihm mein Zettelchen gereicht hatte, hielt ich mein Monatsticket in der Hand. Das ging ja schnell.

Mittwoch, November 05, 2008

Was'n da los?

Heute erreichte mich folgende Zuschrift:

Ohhh, ich krieg heut' noch die Pimpernellen!!! Also dieser Tag steht eindeutig unter einem schlechten Stern:

Die Pechsträhne fing beim Wäsche waschen an: Als ich unten im Keller stand, stellte ich fest, dass ich mein Geld vergessen hatte. Also wieder hoch, Geld geholt (ich habe uns eine Wasch-Kleingeld-Kasse eingerichtet). Wieder im Keller schmeiß ich die vermeintlichen 1,50 EUR ein. Aber NEIN! Es waren nur 1,20 EUR! Prima! Wieder hoch, 30 ct holen und wieder runter, 30 ct nachschmeißen.
Dann wollte ich einkaufen und habe den Bus verpasst. Dann dachte ich mir beim nächsten Bus: nimmste mal den Müll mit runter! Und: was passiert: Die Tüte reißt auf und die Hälfte liegt im Flur, natürlich alles schön matschi. Ich zur Küche, eine neue Mülltüte geholt und will umpacken. Und: was passiert zum zweiten Mal?? Richtig! Auch die zweite Tüte reißt auf! Nur dass sie es gleich richtig macht und nun der komplette Müll im Flur und Bad ist. Vor lauter Wut hab ich alles liegen gelassen und bin raus zum Bus. Dann habe ich beim Jibi eingekauft und stehe an der Bushaltestelle und der Bus kommt geschlagene 20 min zu spät!!!!! Wieder zu Hause habe ich in den neuen Mülltüten den Müll verstaut. Er steht jetzt in drei Tüten verpackt vor der Tür. Dann ist mir soeben die Milch übergekocht und zu allem Überfluss ist auch noch die Milchpackung im Kühlschrank ausgelaufen.

Donnerstag, Oktober 09, 2008

Dapper Digits

Ob wohl die 13 Stellen auf der Schuldenuhr der Amerikaner Unglück gebracht haben? Jetzt musste die Anzeigetafel in New York um eine Ziffer ergänzt werden. Live zu verfolgen ist das, nun ja, negative Wachstum des Staatshaushalts hier und da. Doch was die flink rasenden Ziffern angeht, sind sich die beiden Chronistenseiten offenbar nicht ganz einig. Gut 10 Billionen Dollar Minus auf dem Staatskonto zeigt die eine Seite an, die andere geht von einer Billion weniger aus. Ob da vielleicht das 700-Milliarden-Rettungspaket für die US-Banken vergessen wurde. Nun ja, sind ja nur Peanuts. Und ohnehin:

"Geld (abstrakter, reiner Wert) ist keine Substanz. Geld kommt erst eine Realtiät zu, wenn es die natürlichen Subjekte als ein nützliches Mittel zur Regelung ihrer Verhältnisse untereinader ANERKENNEN und es mit diesem Akt verWIRKLICHt wird." (siehe da)

Genau das werde ich heute beim Einkauf der Kassierin in der REWE erzählen.

Nachtrag: Die Schuldenuhr für die BRD ist beim Bund der Steuerzahler zu finden.

Donnerstag, Mai 08, 2008

Zusammenfügen von PDF-Dateien

Nachdem ich vor kurzem noch etwas umständlich einzelne PDF-Seiten mit PDF Blender zusammengefügt habe - umständlich, weil ich dafür zunächst Ghostscript installieren musste-, bin ich jetzt auf eine schöne, übersichtliche Lösung gestoßen: PDF Split and Merge. Das Programm ist Freeware und OpenSource-basierend. Einmal installiert, kann man damit prima in PDFs umgewandelte Scans in eine einzige Datei zusammenfassen, zum Beispiel bei Foto-Dokumentationen der Ergebnisse von Arbeitsgruppen oder bei Bilderalben vom letzten Urlaub. OpenOffice mit seiner integrierten PDF-Exportfunktion bleibt da freilich immer noch eine hilfreiche Alternative.

Donnerstag, März 13, 2008

Plötzlich da und dann wieder weg


Er war nach 45 in amerikanischer Kriegsgefangenschaft und das einzige Buch, das er ins Camp retten konnte, war der "Urfaust". Den hielt er immer bei sich. Mit Mitgefangenen führte er die Geschichte auf.

Viel mehr konnte er mir nicht erzählen. Er war an der Haltestelle Rathaus an mich herangetreten, weil ich seine alte Reclamausgabe in Händen hielt. Zumindest eine, die so aussah, meine ist von 48. Ich will seit langem schon mal den Faust oder eben seinen Vorläufer lesen und hatte das Heft 20 Minuten vorher aus meinem Regal gefingert.

Ergreifende Augenblicke nehmen sich nie viel Zeit. Ich war ungeduldig, weil ich für kurz darauf einen Termin hatte. Fast dicht an dicht liefen wir zur gerade haltenden Stadtbahn. Ich hoffte, er steigt mit ein. Wie er Banderolen von Gemüse- oder Obstkisten im Lager gesammelt habe, erzählte er noch. Darauf schrieb er Gedichte, die andere im Lager behalten hatten.

Nach seiner Rückkehr arbeitete er als Lehrer. Heute kann kaum noch jemand Gedichte auswendig, sagte er. Die Tür begann, sich zu schließen. "Ich wünsche Ihnen alles Gute", sagte er. "Das wünsche ich Ihnen auch." Abfahrt. Ich lese weiter. "Wie alles sich zum Ganzen webt/ Eins in dem andern würkt und lebt".

Sonntag, März 02, 2008

Plastik für Distanz

Kindheit in den 80ern in Deutschland birgt Geheimnisse, die sich erst nach und nach offenbaren. Etliche Geheimnisse waren erst gar keine. Zum Beispiel habe ich mich als Sechsjähriger nicht gefragt, was das sollte, als dem Vater von Bibi Blocksberg während einer Versammlung zugerufen wurde: “Sie sind ja ein Roter!” Ich hab einfach ausgeblendet, dass damit mehr gemeint sein könnte als die Gesichtsröte von Vater Bernhard.

Das rote Ausklappteil an meinem gebrauchten 24er Fahrrad konnte ich auch nie deuten. Ich habe zwar zwischenzeitlich begriffen, dass die kleine rote Plastikklappfahne am Ami-Briefkasten meiner Nachbarn in Jheringsfehn den Zweck hat, anzuzeigen, dass Post angekommen ist. Das Ausklappteil an meinem Rad ging nicht nach oben, sondern zur Seite raus und war ungleich länger als die Fahne, vielleicht so 30 Zentimeter. Der Zauber lag für mich darin, dass die Schwenkvorrichtung ein zusätzliches Accessoire war, das mein Bruder nicht hatte und das mir beim Fahrradkorso vom VfL Jheringsfehn außerdem den Neid aller Kinder verschaffen konnte. Mein Fahrrad besaß zusätzlich einen Tacho, den ich für eine Dauer von einer halben Minute auf 30 km/h bringen konnte. So einen hatte mein Bruder auch nicht.

Wenn ich jetzt morgens in Bielefeld mit dem Rad die Alfred-Bozi-Straße überquere und dann in den Tunnel in der Von-der-Recke-Straße fahre, schaffe ich vielleicht 20 km/h, weil es hügelauf geht, und den Autofahrern hinter mir bleibt nur die Wahl, hinter mir herzuzuckeln oder knapp an mir vorbeizuziehen. Die 1,50 Meter Abstand, die ich in der Fahrschule beigebracht bekommen habe, halten die Überholer oft nicht ein. Ich hab dann zwar keine Angst, aber weil ich fast zwanghaft darauf bedacht bin, mein Recht durchzusetzen, hätte ich gerne einen Apparat, der die Autofahrer an ihre Pflicht zum Abstand erinnert. In dem Moment, als ich zum ersten Mal daran dachte, dass ein derartiger Apparat doch eine segensreiche Erfindung wäre, fiel mir mein grünes Kinderfahrrad wieder ein. Abstandskelle heißt das schicke Accessoire, das den motorisierten Verkehrsteilnehmer hinter einem Kinderrad auf die Schutzgedürftigkeit des minderjährigen Radlers hinweist. Das Rot warnt auch davor, dass das Kind ziemlich unerfahren steuert und deswegen für nachfolgende Fahrzeuge eine Gefährdung darstellt.

Einige Väter meinen den Gefährdungscharakter noch dadurch verstärken zu müssen, dass sie eine verlängerte Abstandskelle basteln, an deren Ende ein Metallstück (z.B. ein Nagel) montiert wird. Das ist nicht nur lackgefährlich, auch fürs Kind ist es eine Herausforderung. Da hat es gerade gelernt, ohne Stützräder auszukommen und soll dann mit einem 1,5-Meter-Stab am Rad durch den Stadtverkehr eiern. Ich selber werde mich weiter den Attacken der Autos stellen müssen. Denn für mich kommt nicht mal die harmlose Abstandskelle in Frage, mein Rennrad hat ja nicht mal einen Gepäckträger, an dem ich das Ding festmachen könnte. Außerdem sind auch schon die harmlosen schwabbeligen Abstandskellen mindestens genau so verboten wie rotierende Spinning-Wheel-Radkappen am VW Golf.

Mittwoch, Februar 20, 2008

Soliloquy

Das, was ich noch von meiner Uroma (die, die bei uns in der Nachbarschaft wohnte) weiß, ist, dass sie mit verschränkten Armen im Garten auf und ab lief und - hier kommt jetzt verschwommenes Meinen-zu-wissen ins Spiel - mit sich selber redete. Das kommt mit fortgeschrittenem Alter bei jedem, bei mir jetzt auch. In meinen Zwiegesprächen mit mir selbst geht es wie üblich um Leiden an der Welt, Nostalgie und zuweilen auch Trasch. Heute hab ich mein Gehirn mal verkabelt und meine Gedanken mitgeschnitten.



Für Altersgenossen: Der fliegende Ferdinand zum Angucken.

Montag, Februar 18, 2008

Ich bei den Bären und beim Bücherdurchstöbern


Thorsten und ich haben uns in den vergangenen Tagen wieder aufgemacht, um Bielefeld zu erkunden. Herausgekommen ist die Blaupause Nummer 14. Die läuft zurzeit im Kanal 21 und ist jetzt auch hier zu sehen. Ein Thema ist die Bärin Jule, die von Stralsund nach Bielefeld gezogen ist und sich nun im Tierpark Olderdissen an ihren neuen Mitbewohner Max gewöhnt. Außerdem: ein Interview mit dem Schriftsteller Selim Özdoğan, mit dem ich über einige mitgebrachte Bücher anderer Autoren sprach. Ebenfalls in der neuen Blaupause: Eindrücke vom Infotag “Umwelt-Bildung Bielefeld” des Bielefelder Jugendrings in der Ravensberger Spinnerei.

Frühere Episoden der Blaupause: No 13| No 12| No 11

Donnerstag, Februar 14, 2008

Bilderreigen im Schuppen

In Personalunion als Berichterstatter und Teilnehmer habe ich am Freitag bei 24. UniVideoMagazin (UniMaz) im Ringlokschuppen in Bielefeld im Publikum gesessen. Justin Credible war mein Alter Ego auf der Leinwand, ein TV-Homeshoppingverkäufer. Matthias Sentker und Björn Rexin waren Macher des Kurzfilms, in dem Justin und sein Kollege Tony Flex (Matthias) sich aufmachen, die Welt vor einer Invasion von bepiercten Emos aus dem Weltall zu retten. Im letzten Kurzfilm waren die beiden noch zurückhaltender und wollten einfach nur den "Brickmaster 3000" (Vergleichsbild) zu einem guten Preis unters Volk bringen.

Andere Werke, die bei der Videoshow liefen, waren "Dem Braut ihr Kleid" (hier zu gucken). Ein Mann hechtet darin im Brautkleid durch die Stadt, nachdem er nach einem Schäferstündchen durch ein Fenster flüchten musste und seine Geliebte ihm als Warmhalter ihr Heiratskostüm zuwarf, dem ihr Ehemann dann hinterherrennt. Die Wahl des Publikums brachte den Film am Ende des Abends auf Platz eins.

"Zwischenwelt" - ein improvisierter Kurzfilm (u.a. von Sven Stickling) über zwei Mafiosi, die in einer Welt zwischen Diesseits und Jenseits landen - bekam Platz 2. Guckbar ist der Film da.

Gemeinsames Thema der Kurzfilme war "Glück". "Der Goldene Schuss", ein klamaukig-intelligentes Portrait zweier Lokal-Fußballmannschaften kriegte Platz 3. Den Jurypreis bekam der Film ['fry:Styk] - gesprochen: Frühstück.

Für Hertz 87,9 habe ich unter anderem mit Fabio Magnifico, der Mann hinter dem UniVideoMagazin, gesprochen, außerdem mit Gewinnerfilmhauptdarsteller Markus Hermanns. Eine Reportage, die die Äußerungen meiner Interviewpartner und den Lärm im Hintergrund widergibt, ist exklusiv hier zu hören:



Mehr zum Thema bei Marc Tönsing.

Das Bild oben zeigt die Moderatoren der Show, Andreas Liebold (links) und Nirma Schomeier (rechts), sowie die Jurymitglieder Harald Kranz von der Firma Boge (2. von links) und Marc Tönsing. Kranz berichtete an dem Abend von der Bielefelder Soap Opera "Lohmannshof", die von Boge unterstützt wird. Zwei Folgen der Serie liefen außer Konkurrenz beim UniMaz.

Donnerstag, Januar 31, 2008

Der 24-Stunden-Report, German Ed. (1): 17 Uhr

Na Logo: Wenn jemand mit Kreide über eine Tafel schrammt, fühlt sich das an, als würde uns jemand einen spitzen Stahlnagel in den Thalamus treiben. Inzwischen liebe ich es, selber die Kreide quietschen zu lassen. Ich komme mir dann immer unheimlich unverwundbar vor.

Spezielle Entwicklungsabteilungen in Antipastiproduktionsunternehmen haben Menschen wie mich als Bekehrungswürdige ins Visier genommen, um uns klar zu machen, dass auch wir den Schmerz zulassen müssen. Die Kreide schleift langsam, mein Schmerz kam jäh.

Ich kam nicht mal in die Lage, darüber nachzudenken, mich in Sicherheit zu wiegen, als ich wie mein Mitbewohner seine neue Salatkreation auf meinem Teller zurechtlegte: gewürfelte Gurke, Tomatenstücke, gebröckelter Feta, umspült von Zitronensaft mit Pfeffer und Salz, in dem Knoblauch gelöst war. Dazu süßes Naan-Brot nach indischer Rezeptur, frisch aus dem Toaster. Oliven positionierte ich daneben auf meinem Teller und in Weinblätter gefüllten Reis, den ich mir als einen der ersten Happen in meinem Mund schob. Ich plauderte mit meinem Mitbewohner, und ohne darüber nachzudenken, dass man kräftig kauen soll, schickte ich mich an, genau das zu tun: Zubeißen. Der Reis ließ sich davon beeindrucken und matschen. Der Kieselstein mit der Größe einer homöopathischen Pille entschied sich gegen Nachlässigkeit und stemmte sich in meinen Backenzahn.

Ich fühlte mich als wäre ich eine Schultafel, über die ein Rabauke mit roten Klinkerstein kratzt. Jetzt reicht weiches Fladenbrot, um mich schaudern zu lassen. Das Steinchen hat einen Zahnarzt imitiert und eine kleine Mulde in meinen Zahn gebohrt. Ein echter Dentist muss nun den Pfusch seines Hochstaplerkollegen wieder in Ordnung zu bringen.

Kann ich, wenn ich nachweise, dass der Kiesel wie die Weinblätter aus dem türkischen Bursa kommt, die Reparaturkosten für meinen Zahn an den Fabrikanten der Antipasti-Spezialität schicken? Warum behaupten heute Menschen, sie hätten früher, als sie ganz schlimm Hunger hatten, immer auf Kieselsteinen lutschen müssen? Ich kann keinen kulinarischen Nutzen entdecken, wenn ich mir meinen persönlichen Überraschungskiesel, den ich unglücklich nach seiner Attacke aus dem Reismatsch zwischen meinen Zähnen retten konnte, auf die Zunge lege. Er ist wohl noch zu klein.

Dienstag, Dezember 18, 2007

Willem (5)

[Teil 1|2|3|4]

"Wo ist dieser Opa Willem", wiederholte ich.
Angelo zeigte in Richtung Ortsgrenze.
"Bring mich zu ihm."
Wir trafen Willem neben einer bruchreifen Bushaltestelle. Er saß in seinem Trecker, kam mir unheimlich bekannt vor und spielte “Biscaya” auf der Mundharmonika. Der Dieselmotor knatterte und produzierte den gleichen dreckigen Qualm, den ich schon beim Abschleppen meines BMWs ins Gesicht bekommen hatte.

"Opa, der Fremde will Dich sehen", sagte Angelo.
Willem nickte, nahm das Funkgerätmikro herunter und ließ die Mundharmonika in seine Hemdtasche gleiten.
"Hm?", fragte er mich.
"Was soll das mit dem Radio?", fragte ich.
Willem stopfte seine Pfeife und sah mich nur an.

"Ach so", sagte Angelo. "So geht das natürlich nicht. Opa redet nur noch übers Radio."
Er setzte mir die Kopfhörer auf und schaltete sein Radio an. Jetzt hörte ich den Motor in Stereo knattern. Willem stand wohl auch auf Wäscheschleuderimitationen.
"Also, was soll das?", fragte ich.
"Ja, lieber Hörer. Warum also mache ich Radio", hörte ich Willem sagen. "Ist es um die Menschen aufzuklären, um sie zu unterhalten?", fragte er. "Ist es für meine Nachbarn? Für meinen Enkel? Für mich selbst? - Sicher ist es von allem etwas. Aber ganz besonders ist es für Angelos Großmutter, für meine Alma", sagte er. Er spielte eine halbe Minute "Biscaya", dann redete er weiter.

"Almas Tod hatte mich damals sprachlos gemacht", sagte er. "Dann fand ich ihr Versteck auf dem Dachboden. Dort lagen zwei Geschenkpakete. Almas Name stand auf dem einen, meiner auf dem anderen. Sie hatte zwei alte Funkgeräte gekauft, damit wir miteinander reden können, auch wenn ich gerade auf dem Acker arbeite." Schweigen. "Ich hatte ja gehört, dass man mit UKW bis in den Weltraum kommt und sogar bis zu den Sternen, von denen meine liebe Alma jetzt einer ist."
Ich wollte ihn nicht länger monologisieren lassen. "Und was ist dann passiert?", rief ich.

"Und dann erfüllte ich uns unseren Traum und sprach mit meiner Alma, wenn ich auf dem Acker war. Denn irgendwo im Universum sitzt meine Alma und hört mir zu."
Mir wurde schlecht. Der Idiot. Von wegen funken bis in den Weltraum. Der arme Willem hatte UKW mit Kurzwelle verwechselt.

[Schluss]

Montag, Dezember 10, 2007

Willem (4)

[Teil 1|2|3]

Dort saß ein Rollstuhlfahrer vor einer Haustür. Er hatte die Augen geschlossen und döste. Auf seinem Schoß hatte er einen alten sowjetischen Radioempfänger, aus dem es knatterte. Ich tippte ihn an. Er räusperte sich.
“Schönes Knattern, nicht wahr?”, sagte er. “Erinnert mich immer an die Wäscheschleuder bei Frau Wendelmann in der Waschküche. Ist immer so schön, der Waschmaschine zuzugucken und dabei Malzkaffee zu schlürfen”, sagte er. “Wenn ich das Knattern höre, weiß ich, dass ich nicht alleine bin auf dieser Welt. Auch wenn mein Rollstuhl einen Platten hat.”
“Wo ist der Junge?”, sagte ich.
“Ja”, sagte er.
“Wo ist er?”
“Wer?”
“Der kleine Junge?”
“Meinen Sie Angelo?”
“Ich weiß nicht, wie er heißt.”
“Was wollen Sie von kleinen Jungs?”
“Er hat mich angegriffen?”
“Sie sind ein junger, starker Mann, und werden von einem kleinen Kind angegriffen. Das ist Kokolores!”, sagte der Alte.
Etwas traf mich am Ohr. Ein kleiner Stein fiel herunter. Ich dreht mich herum und sah Angelo im Gebüsch verschwinden. Diesmal war ich schneller. Ich riss ihm die Steinschleuder aus der Hand.
“Was soll das?”, fragte ich ihn, während ich den zappelnden Jungen am Arm festhielt.
“Loslassen”, sagte er. “Opa Willem hat das erzählt, dass er als kleiner Junge immer Stolperfallen gegen den Russeneinmarsch gebaut hat. Ich wollte das nur mal ausprobieren”, sagte er.
“Und das mit der Steinschleuder?”
“Auch gegen Russen”, sagte Angelo.
“Wo ist dieser Opa Willem”, fragte ich. Ich wollte wissen, was das für ein Kerl sein muss, der kleine Kinder zu Guerilla-Terroristen erzieht. Ich witterte schon eine Geschichte für meine Zeitung: “Terrorcamp im Osten. Radio-Gehirnwäscher macht Kinder zu Schläfern.”

[Fortsetzung kommt]

Sonntag, Dezember 09, 2007

Willem (3)

[Fortsetzung von hier und dort]

Frau Wendelmann saß 50 Meter weiter in ihrer Küche und schälte Kartoffeln. Radio Willem gab Bauernregeln zum Besten, als ich in ihre Wohnung eintrat: “Wenn im August viele Goldkäfer laufen, braucht der Wirt den Wein nicht zu taufen”, sagte er. “Im Juli will der Bauer lieber schwitzen als untätig hinterm Ofen sitzen.” Und der Klassiker: “Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter, kräht er auf dem Hühnerhaus, hält das Wetter die Woche aus.” Er erzählte etwas von einem Hochdruckgebiet über dem Ostatlantik und Cumulus-Wolken.

“Mein Lieblingsspruch ist der mit dem Hahn”, sagte Frau Wendelmann. “Radio Willem kennt gut 50 Sprüche. Ich versuche jeden Tag zu raten, welchen Spruch er diesmal bringt. Sein Wetterbericht ist auf jeden Fall besser als der aus der Zeitung. Aber die ist ja auch immer vom Vortag.” Ich bat um ein Zimmer. Sie führte mich zu einer Matratze, die unten im Keller lag. “Was Besseres werden Sie hier im Ort nicht finden”, versprach sie mir. Ich glaubte ihr. Die anderen Häuser sahen noch schäbiger aus als ihres. Ich fragte nach einer Telefonzelle. Den Termin im Labor konnte ich ja an den Tag nicht mehr schaffen. Ich musste da anrufen und bei meinem Chef. “Geradeaus und dann hinten links bei der alten Scheune”, sagte sie.

Draußen schien ich der einzige Mensch auf der Straße zu sein. “Wahrscheinlich sitzen die alle in ihren Häusern und hören Radio”, dachte ich. Und dann flog ich auf die Fresse. Jemand hatte Stolperdraht über den löchrige Fahrbahn gespannt. Hinter einem Steinhaufen am Straßenrand hörte ich ein Kichern. “Na warte”, sagte ich und sprang auf. Ich packte nach dem Jungen. Er war schneller und lief in einen Hinterhof.

[Fortsetzung kommt]